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Kultur im Norden Die Kraft der Schnecke
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19:12 10.01.2018
Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Lübecker Günter-GrassHauses. Quelle: Foto: Malzahn
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Lübeck

Womit haben wir es beim „Tagebuch einer Schnecke“ zu tun?

September 1969: Sechs Monate war Günter Grass in der Bundesrepublik unterwegs, um Wahlkampf für Willy Brandt zu machen. Hier verteilt er Wahlkampfmaterial in München. Quelle: Foto: Ap

Jörg-Philipp Thomsa: Es ist weder ein Tagebuch noch ein Roman. Grass hat die Gattung ganz bewusst offen gelassen. Das Spannende ist, dass es sich eigentlich um eine Art Grass-Reader handelt. Alle Themen, mit denen er sich ein Leben lang intensiv beschäftigt hat, tauchen in diesem Buch auf: Literatur, bildende Kunst, Politik, das Aufkommen des Nationalsozialismus, die Shoa, aber auch seine Leidenschaft für das Kochen, die vielen Reisen oder seine familiäre Situation.

Sie sagen, es sei ein Schlüsselwerk.

Auf jeden Fall. Erstmals in seinem Werk sind Autor und Erzähler nahezu identisch. Sein politisches Engagement, hier der Wahlkampf für Willy Brandt, bildet die Rahmenhandlung. Aber untrennbar damit verbunden ist die Geschichte, die darin gründet: die Verfolgung der Juden im Deutschen Reich, speziell in Danzig. Sein politisches Engagement ist ohne seine Zeit im „Dritten Reich“ undenkbar.

Er erzählt von beidem, und zwar seinen Kindern. Grass hat aus seiner Verblendung in der Nazizeit Lehren gezogen und dieses Schamgefühl produktiv genutzt. Anders als der Apotheker Manfred Augst, ein Mann mit SS-Vergangenheit, der sich auf dem Stuttgarter Kirchentag 1969 vor Grass’ Augen das Leben genommen hat und ebenfalls in dem Buch vorkommt.

Wie ist das Buch seinerzeit aufgenommen worden?

Wie immer bei Grass waren die Reaktionen geteilt. Viele Leser und Kritiker hatten erwartet, dass er die Danziger Trilogie fortsetzt und wieder eine Figur wie Oskar Matzerath erschafft. Grass wollte sich formal aber immer wieder neu erfinden. Vor großen Romanen hat er kleinere Werke verfasst. Das „Tagebuch einer Schnecke“ weist im Text bereits auf den späteren Roman „Der Butt“ hin, mit dem Grass seinen Ruf als Großschriftsteller wieder festigte.

94 Reden in sechs Monaten Wahlkampf, fast 60 SPD-Wählerinitiativen gegründet – war Grass einer der Letzten seiner Art?

Sicher. Es gab damals Figuren wie Grass, Böll oder Lenz, das ist so nicht wiederholbar. Es gibt heute eine ganz andere Mediengesellschaft und nicht mehr solche Großschriftsteller. Aber natürlich merkt man an einem solchen Buch, dass jemand wie Grass fehlt. Jemand, der die Demokratie durch seine Einwürfe lebendig hält und zur Diskussion herausfordert. Grass hält in seinem Buch das Prinzip Zweifel hoch und wendet sich gegen schnelle, einfache, populistische Lösungen, was auch in unserer Zeit wieder sehr aktuell ist.

Was finden Sie am erstaunlichsten an dem Buch?

Den experimentelle Charakter und die Vielseitigkeit. Grass thematisiert Albrecht Dürers Stich „Melencolia I“ und hat sich von Heinrich Heines „Der Rabbi von Bacharach“ inspirieren lassen. Es gibt großartige Miniaturen von Politikern wie Brandt, Barzel, Strauß oder Wehner. Es ist ästhetisch ein spannendes Buch, aber auch empfehlenswert für historisch Interessierte oder für Leser, die sich noch gar nicht mit Grass beschäftigt haben.

Er sagt darin, für ihn seien Utopie und Melancholie zwei Seiten einer Medaille. Müssen wir uns Günter Grass als einen melancholischen Menschen vorstellen?

Oh ja. Auch dieses Bild ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. In seinem letzten Werk „Vonne Endlichkait“ spricht er in einem kurzen Gedicht über den Lübecker Weihnachtsmarkt genau von dieser Schwermut, die ihn häufig eingeholt hat. Andererseits wusste er sie auch zu nutzen. Es gab in seinem Leben Phasen großer Anspannung wie die zahlreichen Wahlkampf- oder Lesereisen. Er hat sich danach oft monatelang in sein Atelier zurückgezogen oder am Schreibpult gearbeitet.

Er hat also, wie er es von Willy Brandt sagt, seiner Melancholie Termine eingeräumt?

Ihm waren immer Leute suspekt, die in grenzenlosem Optimismus das Paradies auf Erden binnen weniger Jahre verwirklichen wollten. Gegen den forschen Revolutionseifer vieler Studenten der 68er Generation hat er das Bild der Schnecke gesetzt. Grass’ Wappentier steht für die Reform, für den langsamen Fortschritt in einer Demokratie.

Interview: Peter Intelmann

Kolloquium im Radisson

Acht Vorträge, dazu Diskussionen und eine Führung durch Lübecks Synagoge stehen auf dem Programm des Forschungskolloquiums, zu dem Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa morgen (ab 14 Uhr) und am Sonnabend in das Radisson Blu Senator Hotel einlädt. Ein Gespräch mit Kerstin Gnielka muss leider ausfallen. Ihr Vater Thomas Gnielka hatte als Journalist maßgeblich dazu beigetragen, dass die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht verhandelt wurden.

Für 10 Euro am Tag können Interessierte teilnehmen. Karten und Anmeldung: shop@grass-haus.de oder unter Telefon: 0451 – 122 42 30

Info: www.grass-haus.de

LN

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