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Kultur im Norden Die Liebe, die Liebe
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20:29 30.09.2017
Von Maximilian Buddenbohm journal.redaktion@LN-Luebeck.de

Ich lese gerade in den Tagebüchern des Lübecker Dichters Erich Mühsam (1878-1934, von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet). Der Mann war Anarchist, entsprechend war er chronisch pleite, das gehörte sich in seinen Kreisen auch so. Manchmal kam er auf seltsamen Wegen zu Geld, da waren Wucherer mit absurden Zinssätzen im Spiel. Er hat das Geld dann zumindest in jungen Jahren mit beiden Händen für Damen ausgegeben. Er hat ihnen Geschenke gemacht, sie zum Essen ausgeführt, ihnen nächtelang perlende Getränke bezahlt und dergleichen mehr. Verliebt war er immer, geschenkebedürftige Damen kannte er auch immer, oft mehrere gleichzeitig. Ihm fiel natürlich auf, dass die Damen ihm stets wesentlich freundlicher gesonnen waren, wenn er gerade Geld hatte. Er hat darüber auch nachgedacht, er war ein Mann, der scharf denken konnte.

Aber Intelligenz und Liebe vertragen sich bekanntlich nur bedingt. So kam der politisch engagierte und dichterisch glänzende Mühsam auch nicht zum naheliegenden Schluss, dass sein Erfolg in der Liebe teils schlicht bezahlt war, nein. Er reimte sich vielmehr unter Missachtung aller Fakten zusammen, dass Menschen viel anziehender und liebenswerter auf andere wirken, „wenn sie nicht fortwährend rechnen müssen“. Und diese These ließ er sich gleich am nächsten Abend wieder von reizender Gesellschaft teuer beweisen. Mathematiklehrer in seinem Freundeskreis hätten protestiert, aber da gab es keine, nur Literaten aller Art.

Ich finde es tröstlich, große Geister bei solch grandiosem Scheitern zu erwischen. Es relativiert die Dummheiten, die sich im Laufe der Jahre und der Beziehungen auch bei uns ansammeln. Im Zustand der fortgeschrittenen Verliebtheit sind die Menschen eben alle gleich. Gleich blöd. Das gehört so.

LN

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