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Kultur im Norden Die Liebe ist ein seltsames Spiel
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20:27 18.01.2016
Noch probt das Ensemble: Am Freitag, 22. Januar, ist Premiere der Oper „Così fan tutte“ von Wolfgang Amadeus Mozart am Lübecker Theater. Quelle: Fotos: Oliver Fantitsch, Wolfgang Maxwitat

Das Duett von Fiordiligi und Ferrando gegen Ende der Oper „Così fan tutte“ („So machen‘s alle“) gilt als das schönste Liebes-Duett, das Mozart jemals geschrieben hat. „Musikalisch ist das kaum zu übertreffen“, sagt Regisseurin Sandra Leupold, die für ihre letzte Lübecker Inszenierung — „Don Carlo“ von Verdi — den Theaterpreis „Faust“ gewann.

„Fragt man sich aber, was das für Personen sind, die miteinander singen, ergibt sich folgendes Bild: Ein nicht Liebender und eine verwirrte junge Frau. Das ist typisch für diese Oper.“

Die Oper ist auf den ersten Blick eine Verwechslungskomödie: Der alte Don Alfonso wettet mit den jungen Offizieren Ferrando und Guglielmo, dass deren Bräute Fiordiligi und Dorabella nicht hundertprozentig treu sind. Mit Verkleidungen und einem ausgeklügelten Verwirrspiel verführen die Offiziere schließlich jeweils die Braut des anderen.

Man dürfe „Così fan tutte“ nicht durch die Brille des 19. Jahrhunderts sehen, meint die Regisseurin. „Wenn man das tut, ist man beeinträchtigt durch die Figuren Richard Wagners, die sich stets treu bleiben. In ,Così fan tutte‘ haben wir es mit einer Barockoper zu tun. Und in der Barockoper war es ganz selbstverständlich, dass die Figuren von wechselnder Beschaffenheit sind.“

Diese Sicht auf die Oper, die noch bis in die 1950er Jahre als leicht anstößig, verwirrend und vom Libretto her ganz einfach als schlecht galt, macht es für den Zuschauer nicht einfacher. „Wer ,Così

fan tutte‘ als Komödie erleben will, muss Wissen mitbringen und sich den Witz immer wieder neu erklären“, sagt die Regisseurin. „Im Jahr der Uraufführung 1790 haben die Menschen über ganz andere Dinge gelacht als wir heute.“ So war es für das damalige Publikum ausgesprochen witzig, dass Bariton (Guglielmo) und Sopran (Fiordiligi) ein Paar bilden: „Der Bariton galt immer als weniger edel als der strahlende Tenor, eine solche Paarbildung war eigentlich grotesk.“

Mozart kam mit „Così fan tutte“ aus Sicht von Sandra Leupold zu spät. Die Zeit der Opera buffa, die es erst seit gut 30 Jahren gab, war eigentlich beendet, es begann mit der Französischen Revolution die Epoche der Bühne als moralische Anstalt. Auch das ist nach Ansicht der Regisseurin einer der Gründe dafür, dass „Così“ kein rauschender Erfolg wurde.

Umso interessanter sind dennoch die Figuren gezeichnet. Don Alfonso zum Beispiel ist am ehesten noch ein Vertreter des Ancien Régime, der alten Ordnung. Und zugleich der späten Aufklärung: „Er versucht die Liebe wissenschaftlich zu definieren“, sagt Sandra Leupold. „Und am Ende kommt er zu der Erkenntnis, dass Untreue natürlich ist.“ Überhaupt der Schluss der Oper, der häufig als Happy End inszeniert wird, in dem die ursprünglichen Paare sich wieder treffen. „Das Ende ist offen“, sagt die Regisseurin, „es ist alles falsch, vor allem die Gefühle. Sogar die Tonart. Das strahlende C-Dur steht im Gegensatz zur Tatsache, dass alle Beteiligten verloren haben. Es klingt nach Wahrheit, was in Wirklichkeit Lüge ist.“ Weitaus mehr als eine frivole Verwechslungskomödie ist diese Oper aus Sicht der Regisseurin. „Es war schon damals ein Zeitstück, das ist es auch heute noch.“

Mit Ausnahme der Streichung von Ferrandos B-Dur-Arie verzichtet Sandra Leupold auf Kürzungen, wie sie üblich geworden sind. „Es gibt bei mir keinen schönen Arienreigen mit einigen dürren Worten zwischen den Nummern“, sagt sie. „Das wäre die Struktur, die das 19. Jahrhundert aus der Oper gemacht hat. Mit den zum Teil ausgedehnten Rezitativen ergibt sich ein vernünftiger und nachvollziehbarer Ablauf der Handlung.“ Die Kostüme dieser Inszenierung entsprechen dem Jahr 1790, sagt die Regisseurin. „Aber die Oper spielt in unserer Zeit — wie es in Mozarts Partitur ja schließlich auch heißt.“

Premiere am Freitag um 19.30 Uhr im Großen Haus.

Zwischenspiel der Operngeschichte
Die Opera buffa ist der komische Konterpart zur ernsten italienischen Oper, der Opera seria. Sie besitzt Rezitative zwischen den Musiknummern, ihre Hauptfiguren sind keine Adligen, sondern Bauern, Diener oder Stadtbürger. Manche dieser Figuren sind der Commedia dell‘arte entlehnt. Die Opera buffa entstand im 18. Jahrhundert in Neapel (Pergolesi) und Venedig (Galuppi). Wien war für die Entwicklung der Gattung nicht besonders wichtig. Auch die musikalischen Komödien Mozarts wie „Così fan tutte“ (1790) und „Le nozze di Figaro“ (1786) blieben für die Entwicklung der Opera buffa bedeutungslos, wurden aber für eine „bürgerliche“ Opernkultur wegweisend. Im frühen 19. Jahrhundert, der Epoche der Romantik, nahm die Bedeutung der Opera buffa schnell ab — sie hatte ihren Biss verloren.

Jürgen Feldhoff

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