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Kultur im Norden Die Macht des Geldes und der Religion
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19:12 22.09.2016
Unvergessen: Fritz Kortner (rechts) 1968 als Shylock in einer TV-Fassung des „Kaufmanns von Venedig“. Quelle: Imago (1), Thorsten Wulff

Es ist ein schwieriges Stück, historisch belastet zudem. Während der NS-Diktatur wurde „Der Kaufmann von Venedig“ zur antisemitischen Hetze benutzt, der Jude Shylock wurde zum Inbegriff des Bösen stilisiert. Was William Shakespeare selbst noch als „Komödie“ bezeichnete, erscheint heute eher als Tragödie, in der einem Menschen, eben dem Juden Shylock, bitteres Unrecht geschieht. In Lübeck inszeniert Schauspieldirektor Pit Holzwarth das Stück zur Saisoneröffnung des Schauspiels. „Ich finde den ,Kaufmann von Venedig‘ überhaupt nicht schwierig“, sagt er, „das Stück bietet ein fast unerschöpfliches Reservoir an Interpretationsmöglichkeiten. Und es ist aktuell, obwohl es 400 Jahre alt ist.“

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Mit William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ startet das Lübecker Schauspiel heute in die Spielzeit 2016/17.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Kaufmann Antonio will sich von Shylock Geld leihen, um die Hochzeit seines Freundes Bassanio zu finanzieren. Shylock fordert keine Zinsen für den Kredit, sondern ein Pfund des Fleisches von Antonio, falls der das Darlehen nicht zurückzahlen kann. Der Kaufmann geht darauf ein, weil er sicher ist, dass seine Handelsschiffe rechtzeitig in Venedig einlaufen. Aber die Schiffe sind überfällig, Shylock wetzt schon sein Messer, um sein Pfand aus dem Körper Antonios herauszuschneiden. Mit einer juristischen Intrige aber gelingt es den Freunden Antonios im letzten Augenblick, die Katastrophe zu verhindern – auf Kosten Shylocks.

„Das Stück hat ein böses Ende“, meint Regisseur Holzwarth dazu. „Shylock, der streng an seiner jüdischen Religion festhält, muss sich taufen lassen, um sein Leben und einen Teil seines Vermögens zu behalten. Ihm wird die Identität genommen – das ist ein bitteres Ende.“ Es ist das Umgehen mit Fremden, das in diesem Stück eine große Rolle spielt und auch den Regisseur interessiert. Shylocks Dienste werden von den venezianischen Kaufleuten zwar bei ihren Geschäften benötigt, dennoch gehört er nicht zur Gesellschaft und wird sogar heftig beschimpft – sogar von Antonio, der dann Geld von Shylock leihen will.

„Mich beschäftigt auch die Frage, wie man mit Verletzungen umgeht“, sagt Pit Holzwarth. „Und wie Gewalt entsteht. Shylock sieht die Möglichkeit, sich für die Ungerechtigkeiten zu rächen, die ihm widerfahren sind. Und Antonio kann die homoerotischen Empfindungen, die er für seinen Freund Bassanio hegt, nicht ausleben – das macht ihn aggressiv. Shakespeare hat diese Empfindungen im Gegensatz zu Christopher Marlowe nicht deutlich gezeigt, sondern nur vorsichtigst angedeutet.“ Die Kraft der Religionen, Bilder und damit Denkschemata zu erzeugen, wird in diesem Shakespeare-Drama ebenfalls deutlich.

In den Inszenierungen der vergangenen Jahre hat Shylocks Tochter Jessica zunehmend eine wichtige Rolle gespielt. Das wird auch in der Produktion von Pit Holzwarth so sein. „Sie ist eine Figur im Konfliktfeld zwischen der Religion und der gesellschaftlichen Position ihres Vaters und der ihres Freundes Lorenzo. Auch das ist ein Konflikt, der aktuell ist.“ Shakespeare, so Holzwarth weiter, sei grundsätzlich aktuell, weil seine Dramen die ganz großen Geschichten in einer perfekten Struktur auf die Bühne bringen, die ihre Bedeutung auch nach vier Jahrhunderten nicht verloren haben. Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, warum „Der Kaufmann von Venedig“ besonders gut nach Lübeck passt. Antonio verkörpert, so Holzwarth, den neuen Kaufmannstyp, den Handel treibenden Abenteurer, der zu Shakespeares Zeit entstand.

Aussehen wird diese Auftaktproduktion des Lübecker Schauspiels zeitlos. „Die Figuren sind von heute aus gedacht, weil die Gewalt, um die es in dem Stück ja auch geht, die Menschheit von ihrem Anfang bis in die Gegenwart begleitet. Die Bühne ist eher abstrakt gehalten.“

Dauern wird die Geschichte um Shylock und Antonio ungefähr zweieinhalb Stunden.

Premiere heute um 20 Uhr.

Jürgen Feldhoff

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