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„Die Musik ist zu mir gekommen“

Lübeck „Die Musik ist zu mir gekommen“

Der Schauspieler Burghart Klaußner (66), bekannt aus Filmen wie „Das weiße Band“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“, kommt als Chanson-Sänger nach Lübeck. Am Sonntag (20 Uhr) präsentiert er sein Programm „Je chante — Musik für Frankreich“ in den Kammerspielen des Theaters.

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Bereit zum Auftritt – die Band „Zum Klaußner“: Gerold Donker (Kontrabass), Jan-Peter Klöpfel (Trompete, Klavier, Akkordeon), Burghart Klaußner (Gesang), Edgar Herzog (Saxofon), Matthias Pogoda (Gitarre).

Quelle: Martin Steffen

Lübeck. LN: Man kennt Sie als Schauspieler, nicht als Musiker . . .

Burghart Klaußner: Das gilt vor allem in Lübeck. Am Sonntag werden wir dort unser erstes musikalisches Gastspiel geben. Dabei bin ich Uralt-Lübecker.

LN: Tatsächlich? Wie ist das zu verstehen?

Klaußner:   Kaum geboren war ich schon in Travemünde auf dem Schiff. Auf dem Schiff meiner Eltern. Wir wohnten zwar in Berlin, waren aber sozusagen an der Ostsee tätig. Und deshalb gehören meine frühesten Erinnerungen Lübeck und Travemünde.

LN: Es sind hoffentlich gute Erinnerungen?

Klaußner:  Na klar. Es ist doch eine schöne Gegend.

LN: Was fällt Ihnen ein, wenn Sie heute an Lübeck denken?

Klaußner: Ganz verschiedene Dinge. Das eine ist die wahnsinnig schöne Backsteingotik in der Lübecker Altstadt. Dann ist es das Wetter, das durchaus auch sehr schön sein kann. Und außerdem ist Lübeck eine schlafende Schönheit und kümmert sich nicht um den Rest der Welt.

LN: Zurück zum Thema. Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Klaußner: Die Musik ist zu mir gekommen. Ich bin in einem sehr sangesfreudigen Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter und meine Großmutter kamen aus dem Rheinland und haben von morgens bis abends gesungen. Schon als Schüler hatte ich eine Band. Später habe ich an den Theatern, an denen ich gespielt habe, viele musikalische Sachen gemacht, Operette, Musical und Liederabende mit verschiedenen Themen, zu Brecht oder Franz Wittenbrink. Musik hat immer eine bedeutende Rolle gespielt.

LN: Was bedeutet Ihnen Musik?

Klaußner:  Eine Seelenreinigung — das ist Musik.

LN: Wessen Seele wird gereinigt? Ihre? Oder die der Zuhörer?

Klaußner:   Unser aller. Es klingt vielleicht ein bisschen hochtrabend, aber es soll nichts anderes bedeuten, als dass Musik über die Sprache hinausgeht. Musik kann noch viel mehr.

LN: Was machen Sie am liebsten? Als Schauspieler Kinofilme drehen, in Fernsehproduktionen mitwirken, auf der Bühne stehen — oder Musik machen?

Klaußner: Sie wollen doch nicht, dass ich darauf eine Antwort gebe!

LN: Nach Möglichkeit doch.

Klaußner: Alle diese Dinge haben Ihren eigenen Reiz und ihre eigene Anziehungskraft. Es wäre schade, wenn ich eines lassen müsste. Auf dem Theater gibt es die Gegenwart, die Dreidimensionalität, die Energie. Da muss man am Stück etwas runterreißen. Im Film kann man sich konzentrieren auf inhaltliche Momente. Im Fernsehen kann man Massenpopularität erreichen, wenn man das möchte. Beim Singen ist man irgendwie auf Wolke sieben.

LN: Was verbindet Sie mit dem Chansonsänger Charles Trenet?

Klaußner:  Er hatte ein so reiches, auch aberwitziges Leben. Seine Musik, die mit dem Swing der 30er Jahre begann, ist mitreißend. Angesichts der aktuellen Ereignisse haben wir diesen Abend Frankreich gewidmet. Meine Musiker bilden fast eine Bigband, da geht richtig die Post ab. Denn es sind alle Instrumente dabei, die man braucht, um ein Fass aufzumachen, Klavier, Akkordeon, Trompete, Posaune, Saxofon, Bass, Schlagzeug, Gitarre.

LN: Klingt nicht nach zarten Chansons.

Klaußner:   Nein, nein. Jedenfalls nicht nur. Es sind richtig fetzige Nummern dabei. In Deutschland kennt ihn kaum jemand, aber in Frankreich ist Charles Trenet ein Halbgott. Auch deshalb, weil er über viele Jahrzehnte präsent war. Seine Musik hat ihn fast 50 Jahre lang getragen. Die Geburt seiner Musik war wie eine Explosion, und so wird er auch genannt: die Explosion Trenet. Als ich seine Musik das erste Mal gehört habe, hat es mich von den Socken gerissen.

LN: Ein Trenet-Titel ist sehr bekannt: „La mer“. Gehört er zu Ihrem Programm?

Klaußner: Selbstverständlich. „La mer“ ist ein wunderschönes Lied, wenn auch ganz untypisch für Trenets Musik, es hat sich über die ganze Welt verbreitet. Von den Tantiemen, die damit verdient werden, könnten heute noch ganze Kleinstädte leben.

Interview: Liliane Jolitz

Monsieur Chanson

Charles Trenet (1913 —2001, Foto) war einer der bedeutendsten und populärsten französischer Sänger, dazu auch Schauspieler Dichter und Maler. Zu seinen internationalen Hits zählen die Chansons „Que reste-t-il de nos amours?“ (Was bleibt von unseren Liebesbeziehungen?) und „La mer“. Beide entstanden in den 1940er Jahren, als Frankreich von den Deutschen besetzt war. Weil er auch vor Besatzern auftrat, wurde gegen ihn nach 1945 wegen Kollaboration ermittelt, er wurde aber nicht verurteilt. Trenet stand bis ins hohe Alter auf der Bühne, seine Homosexualität verbarg er lebenslang.

Interview:

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