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Die Nacht - rätselhaft und großartig

Lübeck Die Nacht - rätselhaft und großartig

Wintersonnenwende, ab heute werden die Tage wieder länger - schade eigentlich, findet unser Redakteur Peter Intelmann und macht sich seine Gedanken zur Bedeutung der Nacht für unsere Zivilisation.

Ausschnitt des Gemäldes "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" von Caspar David Friedrich.

Quelle: Staatl. Kunstsammlungen Dresden

Lübeck. Heinrich Wilhelm Olbers war ein Arzt aus Bremen. Aber ein ganz besonderer. Und ihm ging etwas ganz Besonderes durch den Kopf. Warum, fragte der astronomisch kundige Mediziner vor etwa 200 Jahren, ist es nachts eigentlich dunkel? Wenn es da draußen so unendlich viele Sonnen gibt, warum schaut man dann in eine tiefe Schwärze? Es müsste doch hell sein. Es müsste doch überall funkeln und leuchten. Stattdessen stehen ein paar verlorene Sterne in der Nacht, und ansonsten herrscht dunkles Schweigen.

Das war eine gute Frage. Und weil sie so gut ist, nennt man sie das Olbers‘sche Paradoxon. Und man kann verstehen, dass nicht nur Immanuel Kant eine große Erhabenheit befiel, wenn er nachts in den Himmel schaute.

Die Nacht stellt etwas an mit uns. Sie ist das ganz Andere. Sie lässt alles, nun ja, in einem anderen Licht erscheinen. Sie ist voller Rätsel und Ungereimtheiten, voller großartiger Dinge, wie das Bild Caspar David Friedrichs (siehe oben) ahnen lässt. Und die größte Dunkelheit stand uns mit der längsten Nacht des Jahres von gestern auf heute ins Haus.

So schlafen wir zwar jede Nacht, wissen aber bis heute nicht wirklich, was wir da eigentlich tun. Delfine können eine Hälfte ihres Gehirns schlafen legen, Albatrosse können das auch und bleiben so tagelang in der Luft. Und unser Gehirn schläft ja ebenfalls nicht, wenn wir schlafen, es räumt dann auf.

Männer träumen anders als Frauen. Und nur der volle Mond steht nachts die ganze Zeit am Himmel. Der halbe Mond kommt später oder geht früher, je nach Phase. Dabei dauert der Vollmond wissenschaftlich exakt nur eine Minute im monatlichen Mondleben. Und das ganze lautlose Universum mit seinen 100 Milliarden Galaxien mit jeweils 100 Milliarden Sternen ist voll mit dunkler Materie, die aber noch kein Mensch je gesehen hat. Nicht nur das All ist still und dunkel, die Ozeane sind es auch. Und weil Leben mit Licht zu tun hat, müsste es dort unten eigentlich wüst und leer sein wie auf der Erde vor der Zeit. Ein dunkles Reich, ein totes Meer. Tatsächlich aber sind in der Tiefe vermutlich Millionen und Abermillionen Arten unterwegs. Wir haben bisher nur den kleinsten Teil gesehen und würden wohl sehr staunen, was uns da alles untertan sein soll.

Selbst in der Pestera Movile, einer schwefligen Gifthöhle in Rumänien, hat man seltsamstes Leben entdeckt. Durchsichtige Krebse, blinde Spinnen, Riesenegel, handtellergroße Tausendfüßler, fleischfressende Wasserskorpione. Und das alles in einer Umgebung, in die seit Millionen Jahren kein Licht gefallen ist.

Die Dunkelheit gehört zum Leben. Sie ist die andere Seite des Lichts, aber von ihm nicht zu trennen. Und der Mensch ist dabei wie der Mond, sagt der Dichter: Er habe eine dunkle Seite, halte sie jedoch verborgen. Da ist dann jemand in unserem Kopf, aber das sind nicht wir. Oder wollen es zumindest nicht sein.

Das ist eine teuflische Angelegenheit, wie ja auch der Teufel eine Vergangenheit als Engel hat. Luzifer ist der Lichtträger, die Kraft, die stets das Böse schafft. Die Geschichte ist voll von gefallenen Engeln, von Menschen, die das Gute wollten, aber das Böse schufen.

Das Böse aber oder zumindest das Unheimliche nennen wir schwarz zumeist. Dabei haben wir das tiefste Schwarz noch gar nicht gesehen. Es wartet weiter darauf, entdeckt zu werden. Voriges Jahr haben britische Forscher ein Material entwickelt, das das Licht bis auf 0,035 Prozent schluckt. Das war schon sehr gut. Aber es war eben nicht perfekt. Es war noch nicht der Nullpunkt.

Ein Nullpunkt, wie ihn der Maler Kasimir Malewitsch setzen wollte, als er fast auf den Tag genau vor 100 Jahren erstmals sein „Schwarzes Quadrat“ zeigte. Das war eine Absage an das Gewohnte, eine Verneinung des Bestehenden. Es war ein radikales Nichts, dahinter konnte man nicht zurück. Aber es war eben auch ein Aufbruch. Ganz beruhigend, eigentlich.

Eine Reise durch die Dunkelheit
„Durch die Nacht“ heißt das jüngste Buch des Wissenschaftsautors Ernst Peter Fischer. Es verspricht im Untertitel „Eine Naturgeschichte der Dunkelheit“, und über lange Strecken hält es das auch ein. Man erfährt einiges aus der Kosmologie, über die Tiere der Dunkelheit und über den Schlaf. Fischer erzählt von der Tag- und der Nachtwissenschaft, von inneren Uhren und dem Ursprung des Lebens. Aber das Erzählen mäandert manchmal hierhin und manchmal dorthin und schaut auch bei dann doch sehr entlegenen Gebieten vorbei.



„Durch die Nacht“ von Ernst Peter Fischer, Siedler Verlag, München 2015, 240 Seiten, 22,90 Euro

Peter Intelmann

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