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Kultur im Norden Die Nibelungen
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21:12 07.02.2018
Schwerin

Das Schlachtfeld reicht von der Bühne über den zugedeckten Orchestergraben hinweg bis zum Zuschauerraum. Die riesige Fläche ist übersät mit Schädeln, Gebeinen, Gerippen. Ein Ort des Todes, in mystisches blaues Licht getaucht, belebt nur von zwei Frauengestalten, die sich in gebückter Haltung langsam über den grausigen Schauplatz bewegen, ganz so, als suchten sie etwas.

Ein bitterer Sieg: Andreas Anke, Janis Kuhnt, Julia Keiling, Sebastian Reck, Özgür Platte (v. l.). Quelle: Foto: Silke Winkler

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Nächste Vorstellung: Sonnabend, 10. Februar, (19.30 Uhr) im Großen Haus. Im März stehen Termine am

1. und 2. sowie am 21. auf dem Spielplan. Karten gibt es unter der Telefonnummer 0385 / 53 00 123.

Verloren haben Kriemhild, Schwester des Burgunderkönigs Gunther, und Brunhild, Königin aus dem nordisch fernen Isenland, fast alles: ihre Liebe, ihr Lebensglück, ihre Zukunft.

Jetzt aber haben die beiden Frauenfiguren und insbesondere Kriemhild in gewisser Weise etwas gewonnen. Nämlich die gesammelte Aufmerksamkeit des zur Riege der jungen Hoffnungsträger zählenden Regisseurs Jan Gehler, der Friedrich Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“ am Schweriner Staatstheater inszeniert hat – in einer neu buchstabierten Lesart und quittiert mit überwiegend starkem Beifall bei der Premiere.

Die Kontroversen um das dreiteilige Werk, das mal als Anti-Kriegsdrama gedeutet wird, mal als Nazi-Paradestück, sind Gehler schnuppe. Er konzentriert sich ganz auf den tödlichen Zusammenprall von maßlos betrogenen Frauen und abgrundtief schurkischen Männern, und da seine Sympathie eindeutig Ersteren gilt, wird aus der oft als National-Epos bezeichneten, am mittelhochdeutschen Vorbild entlanggeführten Tragödie ein Emanzipationsdrama.

Diejenige, die sich da unter fürchterlichen Begleitumständen emanzipiert, ist Kriemhild, die Julia Keiling anfangs als reichlich naives, leicht verschüchtertes und eher fremdbestimmtes Mädchen zeichnet. Nach der heimtückischen Ermordung Siegfrieds durch Hagen jedoch mutiert das junge Ding zu einer Gerechtigkeit einfordernden Frau, die ebenso selbstbewusst wie radikal denkt, plant und handelt – kompromisslos bis zum blutigen Showdown in der Burg des Hunnenkönigs Etzel. Schroffer kann eine Verwandlung nicht sein, und Keiling führt sie aufregend vor in einem Balanceakt zwischen vibrierendem Zorn und kaltem Kalkül mit dennoch stets durchschimmernder Menschlichkeit.

Weit entfernt von Kriemhilds Fallhöhe sind die Männer. Gunther (Sebastian Reck), sein Bruder Giselher (Janis Kuhnt), Hagen Tronje (Andreas Anke) und Spielmann Volker (Özgür Platte) bilden eine laut dröhnende und dumpf polternde Männerclique, die oft einer Mafia-Bande gleicht und öfter noch einer Gruppe von Fußball-Hooligans, die Fan-Gesänge grölen und am Ende noch rassistisch auftrumpfen: „So (gebückt) gehen die Hunnen, die Hunnen gehen so. So (aufrecht) gehen die Nibelungen, die Nibelungen gehen so“, brüllen die Mitglieder der verschworenen kriminell-königlichen Vereinigung noch kurz vor ihrem Tod. Edle Recken sehen anders aus. Und sogar Siegfried (Flavius Hölzemann), der Drachentöter und Brunhild-Bezwinger, ist hier auf das Format eines zappeligen Jünglings geschrumpft.

Die Frauen haben die Männer besiegt

Der Regisseur zeigt Courage beim Zerzausen des Helden-Mythos. Und auch sonst nimmt er sich keck einige Freiheiten. Der burgundische Männerclan darf mit bleichen Schädeln Fußball spielen, die von Gunther beauftragte Vergewaltigung Brunhilds durch Siegfried, die sie gefügig machen soll, findet als spektakulärer Ringkampf zwischen den Skeletten statt. Und die in einer Art Raumanzug steckende Kriemhild tötet zum Schluss ihre Gegner durch einfache Umarmung. Science-Fiction mitten im Nibelungen-Drama. Dieses hat Gehler durch kräftige, aber kluge Striche eingedampft auf eine Spieldauer von knapp drei Stunden, ohne das Handlungsgefüge zu zertrümmern.

Am Ende sind alle vom Rhein ins Hunnenreich gezogenen Nibelungen tot. Nur Kriemhild lebt – abweichend vom Stück – weiter. Im letzten Bild sitzt sie, abgewendet vom Publikum, auf dem verwüsteten Kampfplatz (Bühnenbild: Sabrina Rox). Und Brunhild, deren Darstellerin (Antje Trautmann) vorher den Etzel gespielt hat, ist nun, plötzlich zurückverwandelt, wieder bei ihr. Die Frauen haben die Männer besiegt. Es ist ein bitterer Sieg.

Hermann Hofer

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