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Kultur im Norden „Die Oboe ist wie ein vernachlässigtes Kind“
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19:12 03.08.2016

Lübeck Die Oboe gilt nicht als Instrument für eine glanzvolle Solokarriere. Und doch ist Albrecht Mayer genau diese gelungen. Er ist der derzeit berühmteste Vertreter seiner Zunft, mit seinen CDs hat er es bis an die Spitze der Klassik- und sogar der Popcharts geschafft. Im Rahmen des SHMF kommt der 51-Jährige als Solist und Dirigent mit der Kammerakademie Potsdam zu drei Konzerten in den Norden.

Verführer mit der Oboe: Albrecht Mayer ist zurzeit der bedeutendste Vertreter seines Instruments. Quelle: Felix Broede

Die Oboe gilt als schwieriges und anstrengendes Instrument. Wie sind Sie dazu gekommen?

Albrecht Mayer: Ich habe mir die Oboe nicht ausgesucht. Als ich zehn Jahre alt war, spielte ich Klavier und Blockflöte und suchte ein weiteres Instrument. In dem Bamberger Gymnasium, das ich damals besuchte, herrschte ein eklatanter Oboisten-Mangel. Und eines Tages kam mein Vater nach Hause, legte eine Oboe auf den Tisch und sagte: Das wird jetzt gelernt. Das war damals halt noch ein bisschen anders als heute, wo man in der Musikschule erst mal einen Schnupperkurs belegt.

Klingt nicht nach dem Start einer vielversprechenden Beziehung.

Mayer: Ich war der Jüngste in dieser Oboenklasse und hatte wohl auch Talent, denn schon bald überholte ich die anderen. Weil es in Bamberg so wenige Oboisten gab, war ich ein gesuchter Musiker.

Das hat mir gut getan, denn ich hatte eine Sprachhemmung, habe gestottert. Mit der Oboe durfte ich überall mitspielen, war plötzlich jemand, bekam Anerkennung. Mit zwölf Jahren spielten wir ein Händel-Konzert, da bekam ich meine erste Gage: 50 Mark, das war für mich 1977 eine Menge Geld. Und da habe ich beschlossen, dass ich Profimusiker werden will.

Was macht die Oboe für Sie so liebenswert?

Mayer: Die Oboe ist ein bisschen wie ein vernachlässigtes Kind. Sie kann nicht so schnell spielen wie andere Instrumente, nicht so virtuos. Sie ist nicht so leise und nicht so laut. Aber sie kann etwas besonders gut: die Menschen anrühren, und zwar auf eine sehr intime Art und Weise.

Verändert sich über die Jahre die Beziehung zu einem Instrument wie in einer zwischenmenschlichen Beziehung?

Meyer: Natürlich verändert sich eine Beziehung, insbesondere zu einem Instrument, das einen ein ganzes Leben lang begleitet. Es gibt Tage, an denen man das Instrument anschaut und denkt: Heute wird es nichts mit uns, wir gehen uns lieber aus dem Weg. Aber dann gibt es auch immer wieder die Bereitschaft aufeinander zuzugehen – wie in einer Ehe.

Die meisten Musiker sind ja entweder erfolgreiche Solisten oder unscheinbare Orchestermusiker. Sie sind weiter Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Warum?

Meyer: Es ist wunderbar, als Solist unterwegs zu sein und auch mit anderen Musikern zu arbeiten. Das erfüllt mich sehr. Das ist gut für meine Musik, meine Ideen und auch fürs Ego. Auf der anderen Seite ist es auch gut, wieder in diese Gemeinschaft der Philharmoniker zurückzukehren und dort einer von vielen zu sein. Es gibt viele Dirigenten, die eine Inspirationsquelle für mich sind. Außerdem gibt es viele nette Kollegen im Orchester.

Sie haben in vielen zurückliegenden Projekten Kompositionen für Ihr Instrument adaptiert. Sind Sie mit dem Originalrepertoire durch?

Meyer: Die Oboe hat ein riesiges Repertoire – größer als das von Klarinette und Flöte zusammen; aber nicht von den großen und bekannten Komponisten. Das ist unser Dilemma und bewegt mich dazu, immer wieder mal einen Seitenschritt zu wagen und mir Repertoire von anderen Instrumenten oder einer Singstimme auszuleihen, wenn ich das Gefühl habe, das würde sich auf einer Oboe gut machen.

Wie schaffen Sie es, Ihr Publikum immer wieder über all die Jahre mitzunehmen?

Meyer: Ich mache Konzeptalben. Da wird der Hörer nicht bei Track vier aus der Bahn geworfen und spult mal kurz zur Nummer sieben vor. Und dann schauen die Leute offenbar gerne zu, wenn ich mal im Fernsehen auftreten darf. Medienpräsenz ist schon wichtig. Sonst dringt eine CD nicht an die Ladenkasse vor.

Bei ihrem SHMF-Konzert spielen Sie Oboenkonzerte von Haydn und Mozart. Welche Bedeutung hatte die Oboe im Musikleben dieser Zeit?

Meyer: Die Oboe war damals allgegenwärtig – im Konzertsaal, in der Kirche, als Kammermusik- und Freiluftinstrument. Da es viele reisende Solo-Oboisten gab, entstanden im Umkreis der Wiener Klassiker zahlreiche Konzerte für das Instrument, die den facettenreichen Klang der Oboe und ihre ständig verbesserten technischen Möglichkeiten ausloteten.

Andreas Guballa

Der Solist und seine Auftritte beim SHMF

Albrecht Mayer wurde am 3. Juni 1965 in Erlangen geboren und wuchs in Bamberg auf. 1990 wurde er Solo- Oboist der Bamberger Symphoniker, seit 1992 ist er Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Zugleich trat er immer häufiger als Konzert-Solist auf.

Auszeichnungen: Er erhielt drei Mal den Echo-Klassik, darunter zwei Mal als Instrumentalist des Jahres.

Alben: Zuletzt erschien bei der Deutschen Grammophon „Lost and Found“, vier Oboen- und Englischhorn-Konzerte aus der Zeit Mozarts; und „Bach – Konzerte und Transkriptionen“.

Konzerte mit der Kammerakademie Potsdam: Reithalle Elmshorn, morgen 20 Uhr; Christuskirche Rendsburg, Sa., 20 Uhr; Reithalle Wotersen, So., 19 Uhr

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