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Kultur im Norden Die Passion aus der Sicht von Judas
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20:10 01.08.2015
„Immer schon wollt‘ ich Apostel werden“ singen die Jünger beim letzten Abendmahl mit Frauenbegleitung. In der Mitte Glenn Carter als Jesus. Quelle: Fotos: Pamela Raith
Hamburg

Als das Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice (Text) 1971 am Broadway uraufgeführt wurde, waren die meisten Kritiken negativ. Zum einen missfiel den Rezensenten der ungewohnte Umgang mit religiösen Themen, zum anderen kam die Musik von Lloyd Webber nicht besonders gut an. Und trotzdem wurde das Erstlingswerk des späteren Erfolgsduos ein Dauerbrenner auf den Musicalbühnen dieser Welt.

Zurzeit ist das Stück in einer groß angelegten Neuinszenierung von Bob Tomson mit einer Edel-Besetzung aus dem Londoner Westend auf Deutschlandtour, nach den Stationen Deutsche Oper Berlin und Nationaltheater Mannheim ist es vom 12. bis zum 23. August an der Hamburgischen Staatsoper zu sehen.

Die Inszenierung von Tomson war schon in Großbritannien auf Reisen und wurde bejubelt. Tournee-Produktionen sind naturgemäß technisch weniger aufwendig als stationäre Musicalaufführungen, diese Version aber macht durchaus keinen provisorischen Eindruck, im Gegenteil. Große Kulissen, die durch Verwendung von Textilien dennoch relativ leicht sind, machen Eindruck; ausgeklügelte Lichteffekte schaffen sehr differenzierte Stimmungen. Und das ist wichtig bei dieser Deutung der Passionsgeschichte, in der die biblische Geschichte nur einen eher kleinen Raum einnimmt.

„Jesus Christ Superstar“ erzählt die Story, wie sie sich hinter der seit 2000 Jahren abgesegneten offiziellen christlichen Darstellung abgespielt haben könnte. Durch Judas Ischariot kommt die politische Situation im besetzten Israel des Jahres Null ins Spiel, auch die Liebesbeziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus wird zumindest angedeutet. Regisseur Bob Tomson gelingt es, all diese verschiedenen Aspekte des Musicals unter einen Hut und auf die Bühne zu bringen. In sehr schnellem Tempo, sozusagen mit kurz geschnittenen Szenen. Das ist dennoch mehr als die heutige Videoclip-Ästhetik.

Was an dieser Produktion aber vor allem beeindruckt, ist die Besetzung. Jesus wird gegeben von Glenn Carter, dem derzeit wohl besten Darsteller des Erlösers auf der Musicalbühne. Glenn Carter hat den Jesus unter anderem im Londoner West End und am New Yorker Broadway gespielt, er erhielt Auszeichnungen für seine Kunst und wirkt auch als Shakespeare-Schauspieler. Er kann singen und spielen, die Rolle des Jesus ist wie auf ihn zugeschnitten. Sein Widerpart Tim Rogers als Judas wirkt auf der Bühne gegenüber Jesus mit seiner starken spirituellen Ausstrahlung fast wie ein Rüpel. Mit aggressiver Stimmfärbung und ruppigen Bewegungen versucht er, auf seinen Freund einzuwirken — vergeblich, wie man weiß. Und dann ist da noch der Shooting Star dieser Produktion, die erst 23 Jahre alte Rachel Adedeji als Maria Magdalena. Ihre Stimme klingt ähnlich wie die der jungen Soul-Queen P. P. Arnold, vor allem in der tiefen Lage ist sie wunderbar warm timbriert. Rachel Adedeji interpretiert ihre Rolle eher zurückhaltend, ihre tiefe Zuneigung, mehr noch: ihre Verzauberung durch Jesus kommt umso eindruckvoller über die Rampe. Eine wunderbare Leistung dieser jungen Darsteller-Sängerin.

Insgesamt ist diese Produktion ein ziemlich großer Wurf. Sie übersetzt das mehr als 40 Jahre alte Musical mit Geschmack und Geschick in die aktuelle Ästhetik übersetzt.

„Jesus Christ Superstar“ an der Hamburgischen Staatsoper, Vorstellungen vom 12. bis zum 23. August, dienstags bis freitags 20 Uhr, sonnabends 15 und 20 Uhr, sonntags 14 und 19 Uhr. Eintritt: 23 bis 67 Euro.

Die erste Rockoper
Andrew Lloyd Webber war noch Musikstudent und 22 Jahre alt, als er 1970 zusammen mit dem 24-jährigen Texter Tim Rice das Musical „Jesus Christ Superstar“ schriebt. Die Zeiten für opulente Musical-Produktionen waren noch nicht reif, deshalb veröffentlichte das Duo sein Werk zunächst als Konzeptalbum. Zwei Millionen Platten wurden in zwölf Monaten verkauft, und so fand sich bald auch ein Produzent für die szenische Aufführung. Die „Rockoper“, wie Lloyd Webber sein Stück nannte, hatte 1971 am Broadway in New York Premiere. Mit der Mischung aus jauchzenden Soul-Arien, sentimentalen Balladen und donnernden Rocknummern gelang dem Komponisten der Einstieg ins große Musicalgeschäft.

Jürgen Feldhoff

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