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Kultur im Norden Die Passion des Malers Immendorff
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20:21 15.07.2016
Museumsleiterin Julia Hümme vor Jörg Immendorffs Linolschnitten auf Leinwand: Joseph Beuys im Farbgewitter. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Als der Maler Jörg Immendorff 2007 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) starb, weinten die Boulevardmedien. Nicht, weil er erst 62 Jahre alt war und weil man von ihm noch einiges an künstlerischer Provokation hätte erwarten können. Sondern weil die Klatsch-Vermarkter mit ihm eine schillernde Figur verloren, die mit großer Zuverlässigkeit Smalltalk-Stoff lieferte, in dem junge Frauen, weniger junge Prostituierte und Drogen vorkamen. Und dann war der tolle Kerl auch noch ein enger Freund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Wow!

Wenn Julia Hümme nun über den Maler aus Düsseldorf mit St. Pauli-Faible (dort steht seine Hans-Albers-Plastik) anmerkt: „Er war ja einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, die auch in der Öffentlichkeit standen.“ Dann ist das nicht falsch. Aber das überaus opulente Werk Immendorffs war und ist überwiegend Anschaungsmaterial für Menschen, denen auch die Namen Baselitz, Penck oder Kirkeby etwas sagen (nach einem Immendorf-Bild sind sie und er „Best artists after war“).

Die Leiterin des Ostholstein-Museums Eutin unternimmt immerhin etwas für die Verbreitung von Immendorffs Kunst: Morgen wird in ihrem Haus die Ausstellung „Gestatten, Mein Name ist Geschichte“ mit Ausschnitten aus dem grafischen Werk des Künstlers eröffnet. Das Zitat Immendorfs verweist einerseits darauf, dass er auf seinen Bildern die Kunstgeschichte geplündert hat – immer wieder gibt es Verweise auf Ikonen vom Mittelalter bis heute –, andererseits auf sein Ableben: 2005, als die Krankheit ihn fest im Griff hatte, schrieb er den Satz unter ein Foto, auf dem er seine Wunden zeigt.

Jörg Immendorf hat sich stets als politischer Künstler verstanden, auch dann noch, als er sich „von dem erzählenden Lametta“ verabschieden wollte, um zu einer „reineren Malerei“ zu kommen, weil er nicht mehr anders konnte. Allerdings blieben seine Bilder auch da noch figürlich. Und kryptisch. „Optimismus für Deutschland“ ist ein Pigmentdruck betitelt, auf dessen collagenartiger Szene man Edmond Stoiber Angela Merkel reiten sieht, davor ein Schatten von Adolf Hitler. Eine Spitzhacke fährt dazwischen. Was er politisch meinte, ist nach seiner Agitprop-Phase in den 1970er Jahren schwer zu ergründen, man kann nur ein Leiden an den Gegebenheiten erahnen. „Er hat sich seine politische Bedrückung von der Seele gemalt“, sagt Stefan Skowron von der Düsseldorfer Galerie Brackner, der die Ausstellung mit organisiert hat.

Große Formate verdeutlichen dies: Auf dem übermalten Linolschnitt „Café Deutschland“ sieht man Immendorf selbst (erkennbar an der großen Nase), der im Vordergrund mit Kartoffeln würfelt, die Götter Marx, Stalin, Lenin, Mao und auch eine Pickelhaube schauen auf ihn herab. Eine klaustrophobische Szene. Das Café war Immendorffs kleinste gesellschaftliche Einheit, eine Bühne für Kunst und Revolution. Auch beim Kanzler-Porträt – Immendorff hat kurz vor seinem Tod Schröder mit Hilfe seiner Assistenten für die Galerie im Bundeskanzleramt gemalt – ist die Haltung des Malers zu seinem Objekt schwer auszumachen: Man sieht Schröder in Gold, umgeben von Affen, Spinnweben und Blitzen. Eindeutig ist die Grafik „Steinarm“: Man sieht einen Klumpen mit einer Hand, an der ein Gewicht zieht, in schmerzendem Rot und Schwarz. Immendorff hat sich stets als Mittelpunkt seiner Kunst gesehen, egal, was oder wen er malte.

Schüler von Joseph Beuys

Jörg Immendorff (Foto) kam 1945 in Bleckede zur Welt. In den 1960er-Jahren war er Schüler von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Er stellte auf der Kasseler Documenta und auf der Biennale von Venedig aus und lehrte an mehreren Hochschulen. Seit 1997 litt Immendorff an ALS, er starb 2007 an der Krankheit.

Die Ausstellung „Gestatten, mein Name ist Geschichte“ wird morgen um 11.30 Uhr eröffnet. Museumsleiterin Julia Hümme führt in das grafische Werk Immendorffs ein. Zu sehen bis zum 6. November im Ostholsteinmuseum Eutin.

Michael Berger

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