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Kultur im Norden Die Pläne der Kunsthallen-Chefin
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17:22 13.02.2019
„Die Sammlung muss gesehen werden, um lebendig zu bleiben“: Antje-Britt Mählmann. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Seit sechs Monaten steht Antje-Britt Mählmann als leitende Kuratorin an der Spitze der Kunsthalle St. Annen. Mit der aktuellen Ausstellung von Selbstbildnissen berühmter Künstler und Highlights der Sammlung zeigt sie nun Schätze aus dem Lübecker Depot und ist voller Pläne.

Was macht eigentlich eine Kuratorin?

Ganz viele organisatorische Sachen. Natürlich steht am Anfang die Idee, was man mit der Sammlung machen möchte, welches Ausstellungskonzept man verfolgt. Daraus ergeben sich viele organisatorische und logistische Aufgaben, zum Beispiel Leihanfragen und die Erfüllung von Leihbedingungen. Mit den Restauratoren kümmert man sich um den Erhalt der Sammlung. Außerdem schreibt man Katalogtexte, hält Vorträge, macht Führungen. Und zehn Prozent der Arbeit bestehen dann wirklich darin, Ausstellungen an die Wand zu bringen, dann materialisieren sich 90 Prozent meiner Arbeit.

Promotion über „Spinnen“

Antje-Britt Mählmann, geboren 1979 in Wilhelmshaven, absolvierte ihren Bachelor of Photograhic Arts an der Westminster University in London, gefolgt vom Masterstudium Kunstgeschichte in Düsseldorf. Dort promovierte sie über die „Spinnen“ im Spätwerk von Louise Bourgeois. Sie arbeitete als freie Kuratorin, organisierte Ausstellungen in London, Düsseldorf und Krefeld und war als Kunstvermittlerin im von der Heydt Museum in Wuppertal, im Folkwang Museum in Essen und dem Krefelder Kunstverein tätig. Ab 2015 arbeitete sie an der Kunsthalle Emden und ist seit August 2018 Leiterin der Kunsthalle St. Annen in Lübeck.

Ihre erste Ausstellung ist nun zu sehen, ist das etwas Besonderes?

Auf jeden Fall! Ich musste mich erst mit dem Team vertraut machen, schauen, wie die Räume wirken. Wenn dann schließlich alles hängt, ist es wie Weihnachten. Als Kuratorin lebt man für diese Momente.

Wie ist Ihr Interesse für Kunst entstanden?

Meine Mutter ist Ärztin, mein Vater in der Wirtschaft tätig. Beide haben großes Interesse für Kunst und Kultur, das heißt, wir sind viel gereist nach Südfrankreich und Italien, haben viel alte Kunst und Architektur gesehen, das hat mich geprägt. Von meinem Vater habe ich viele existenzialistische Bücher gelesen, das hat auch mein Interesse für Kunst entfacht.

Sie haben vorher in der Kunsthalle Emden gearbeitet und sind seit August in Lübeck. Haben Sie sich eingelebt?

Ja, ich bin sehr herzlich empfangen worden. Ich erlebe Lübeck als sehr offene und gesellige Stadt und lebe hier sehr gerne. Die Arbeit ist einerseits eine Herausforderung, andererseits habe ich sehr viel Raum zum Gestalten und um kreativ zu werden.

Was hat Sie nach Lübeck geführt?

Die Stelle war ausgeschrieben, ich fand die Aufgabe sehr interessant und habe mich beworben.

Mussten Sie ein Konzept einreichen?

In der ersten Bewerbungsrunde musste man  ein Ausstellungskonzept für die nächsten zwei Jahre vorstellen und natürlich sagen, welche Ziele man verfolgt.

Und welche sind das?

Vor allem möchte ich die Sammlung wieder zeigen. Im Depot schlummern etwa 900 Bilder, Skulpturen und sehr viele Grafiken. Damit habe ich ja in der aktuellen  Ausstellung begonnen. Dass Andy Warhol in Lübeck war, das war für mich zum Beispiel eine Riesenüberraschung, weil ich ja in Emden lange an der Ausstellung The American Dream gearbeitet hatte, und hier finde ich das Holstentor von Andy Warhol! Das musste natürlich in die Highlights-Ausstellung. Die Sammlung muss gesehen werden, um lebendig zu bleiben. Darüber hinaus ist es auch wichtig, sie wissenschaftlich zu bearbeiten und darüber nachzudenken: Was ist diese Sammlung? In welche Zusammenhänge kann ich sie stellen? Wie kann ich sie erweitern?

Von Warhol bis Lindenberg

In der aktuellen Ausstellung „Ich und mein Selfie“zeigt die Kunsthalle St. Annen Selbstporträts berühmter Künstler und Popstars aus der Sammlung Rüxleben. Zu sehen sind Bildnisse unter anderem von Otto Dix, Max Pechstein, Salvator Dali, Werner Tübke, Käthe Kollwitz und Jörg Immendorf, aber auch von Udo Lindenberg und Amanda Lear. Im Obergeschoss werden nach langer Zeit wieder Highlights der Sammlung der Kunst nach 1945 bis zur Gegenwart gezeigt, darunter Werke von Karel Appel, Willi Baumeister, K.O. Götz, Candida Höfer und Andy Warhol. Zu sehen sind aber auch Neuzugänge aus der erst kürzlich erfolgten Schenkung des ehemaligen Ministerpräsidenten Björn Engholm.

Geöffnet: täglich außer montags von 11-17 Uhr

Welches Profil sollen die künftigen Ausstellungen haben?

So weit wie möglich werde ich Ausstellungen aus der Sammlung heraus entwickeln. Es muss einen Anlass geben und einen Bezug haben, damit man versteht, warum das ausgerechnet in diesem Haus stattfindet. Dann würde ich die passenden Sammlungsteile zeigen. Ich habe zum Beispiel vor, eine Ausstellung zur Helsinki School of Photography zu machen, dazu würde ich skandinavische Kunst aus der Sammlung zeigen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wen würden Sie in Lübeck zeigen?

Promoviert habe ich ja über die französisch-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois. Das wäre natürlich ein Traum schlechthin. Es gibt viele ihrer Werke in europäischen Privatsammlungen und Museen. Aber da muss ich wirklich noch eine Weile drauf hin träumen.

Sie müssen zu Künstlern, Sammlern Kontakt aufnehmen, um Werke nach Lübeck zu bringen. Muss man da auch Psychologin sein, um sie für die eigene Idee zu gewinnen?

Man muss, um bei Louise Bourgeois zu bleiben, wie eine Spinne netzwerken können. Ganz vorsichtig seine Fäden spinnen und seine Netze auswerfen. Man muss Einfühlungsvermögen haben, ein Gespür für Menschen entwickeln. Das ist schon fast ein Akt der Diplomatie mit der damit verbundenen Etikette, wie man auf diese Menschen zugeht. Wenn man etwas haben und zeigen möchte, das sehr wertvoll ist, dann gibt es schon bestimmte Wege, wie man es erreichen kann.

Zum Beispiel?

Ich lade die Leihgeber erst mal zu uns ein. Das gegenseitige Kennenlernen ist wichtig. Dass die Menschen unsere Räume sehen, dass ich zeige, was ich schon gemacht habe, dass das Klima stabil ist, das ist alles wichtig. Dass man  den Beweis erbringt, dass man der Fürsorgepflicht nachkommen kann. Man muss das Vertrauen gewinnen.

Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Zeitgenössische Kunst sicherlich, aber auch abstrakte Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein großes Thema. Da kann man gut untersuchen, wie sich diese Werke zur zeitgenössischen Kunst verhalten. Dieser ganz wichtige Sammlungsteil der Nachkriegszeit im geteilten Deutschland ist auch noch wissenschaftlich zu bearbeiten, es ergeben sich daraus viele spannende Fragen. Wie hat sich die Kunst in West und Ost entwickelt? Wie haben eigentlich die ganz normalen Leute es gesehen?

Sie haben auch die ganz normalen Besucher im Blick?

Natürlich! Ich möchte nicht, dass es nur trocken und wissenschaftlich zugeht. Mir schwebt vor, dass ein Haus für zeitgenössische Kunst auch eine Art Spiel-Raum ist. Ein offener Raum, in dem man Spaß haben und experimentieren kann. In der aktuellen Ausstellung mit Selbstbildnissen haben wir eine Selfie-Box aufgestellt, jeder kann sich ein eigenes Bild machen.

Wollen Sie so Barrieren abbauen?

Es ist wichtig, dass man den Abstand zur Kunst verliert und die Vorstellung, dass es nur trocken ist. Kooperationen sind dafür denkbar, wir wollen auch in die Stadt hinausgehen. Mit dem Theater arbeite ich ja schon zusammen und habe nach einer „Freischütz“-Aufführung mit Carsten Jenß vom Musiktheater unter Einbeziehung der Besucher ein Gespräch über Identität und das Bildermachen geführt. Die Sopranistin Andrea Stadel vom Theater hat zur Eröffnung unserer Ausstellung gesungen. Da gibt es noch viele Möglichkeiten. Und natürlich sind noch viele Projekte mit weiteren Kooperationspartnern in Lübeck und außerhalb denkbar.

Sie haben vor dem Studium der Kunstgeschichte in London Kurse in Literatur, Fotografie und Aktzeichnen genommen. Zeichnen und fotografieren Sie noch?

Nein, dazu komme ich leider nicht mehr. Aber ich würde es gerne wieder beleben.

Petra Haase

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