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Die Säuberung

Die Säuberung

Los Angeles. Weinstein, Spacey, Louis C.K.. Belästigungsvorwürfe gegen Prominente häufen sich. Kann man Kevin Spacey als skrupellosen Machtpolitiker Frank Underwood in „House of Cards“ künftig noch bewundern? Hilft es wirklich, den Oscar-Preisträger aus Filmen herauszuschneiden?

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Der Schauspieler Kevin Spacey, einer der Großen seiner Zunft, ist tief gefallen.

Quelle: Foto: Arno Burgi, Dpa, Archiv

Im Grunde ist es ja unmoralisch, sich Turnschuhe für 159 Euro zu kaufen. Nicht bloß, weil 159 Euro ein Mondpreis sind für ein bisschen Stoff und in Form gepressten Kunststoff. Sondern vor allem, weil dieser Turnschuh von einem 14-jährigen Mädchen in Bangladesch zusammengenäht wurde, das nach 14 Stunden Schuften in der Fabrik barfuß 20 Kilometer zu seiner Hütte läuft, zu einer kranken Großmutter und einer Schale Reis.

 

LN-Bild

Christopher Plummer.

Wir kaufen sie trotzdem, die Schuhe. Weil wir gelernt haben, uns vor unseren eigenen Moralreflexen schützen – indem wir im Kopf trennen zwischen der Strahlkraft der Markenschuhe und den elenden Bedingungen, unter denen sie entstehen. Dieser Mechanismus macht den globalen Kapitalismus erst möglich.

Niemand trägt gern Schuld. Der Wunsch nach Reinheit und Absolution ist seit zwei Jahrtausenden Motor und Seele des christlichen Glaubens. Umso drängender die Frage, ob man sich im Strudel der Affäre um Hollywoods grapschende Patriarchen als Zuschauer mitschuldig macht, wenn man trennt zwischen Werk und Künstler, quasi zwischen Turnschuh und Moral.

Hollywood im Ausnahmezustand. Karrieren zerfallen zu Staub. Vom Publikumsliebling zum Paria in wenigen Stunden. Die Liste ist endlos. Und sie wächst. Bill Cosby. Kevin Spacey. Harvey Weinstein.

Charlie Sheen. James Toback. Steven Seagal. Dustin Hoffman. Jetzt Louis C.K., der große, bitterböse, schmerzfreie Komiker mit der unheilvollen Neigung, vor Kolleginnen mit seinem kleinen Louis zu spielen. Das klingt niedlich. Aber es ist Missbrauch. Frauen und Männer schildern täglich neue Demütigungen. Gerade berichtete die US-Torhüterin Hope Solo, der damalige Fifa-Boss Sepp Blatter habe ihr 2013 bei der Gala „Ballon d’Or“ in Zürich an den Hintern gefasst.

Die Entertainmentwelt greift zur Selbstgeißel: Ridley Scott schneidet Spacey aus einem fertigen Film heraus und dreht die Szenen mit Christopher Plummer neu. Netflix stoppt seine Erfolgsserie „House of Cards“ und löscht Louis-C.K.- Shows von seinen Servern. Der US-Sender FX Network kündigt C.K. als Produzent. Sein nagelneuer Film „I Love You, Daddy“ mit Chloë Grace Moretz und John Malkovich wurde gestoppt. Es ist ein radikaler Säuberungsversuch. Er geschieht nicht etwa aus moralischen Erwägungen. Es geht ums nackte Geld. Die mit Schuld kontaminierten Stars sind Kassengift. Dollars waren immer das Einzige, was in Los Angeles einen Wert hat.

Bloß: Was hilft’s? Und wo endet der Reinigungsversuch? Wenn Hollywood jeden, der jemals Schuld auf sich lud, aus seiner Geschichte eliminiert wie Josef Stalin einst Leo Trotzki, bleibt von der Welthauptstadt des Entertainments nicht viel mehr übrig als ein paar Shirley-Temple-Filme und ein Kaktus in der Wüste. Kreative sind oft schief ins Leben gebaute Egomanen, die sich für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Es ist ja gerade ihre Grenzenlosigkeit, ihre Enthemmtheit, die sie gelegentlich zu Großem befähigt. Der Ruhm wird zur Aura der Unverletzlichkeit, zu einer Schutzblase, in der ihnen permanent Absolution erteilt wird. „Wenn du ein Star bist, lassen sie alles mit sich machen“, sagte Donald Trump in jenem verstörenden „Grab them by the pussy“-Dokument.

Das soll nichts relativieren. Um Verbrechen kümmert sich das Strafrecht, und das ist gut so. Die Staatsanwaltschaft in Los Angeles hat eine Sondereinheit gegründet. Aber es ist bigott zu glauben, das Problem sei damit zu erledigen, Spacey aus fertigen Filmen herauszuschneiden, wenn man gleichzeitig ein System betreibt, das quasi auf Sexismus aufgebaut ist, das egomanischen Riesenbabys, die die Kasse klingeln lassen, bisher alle Freiheiten einräumte.

Louis C.K.s onanistische Neigungen sind seit 2012 öffentlich. Nichts geschah. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen sind Jahrzehnte alt. Nichts geschah. Da hilft kein hektischer Aktionismus. Systematischen Machtmissbrauch und Frauenfeindlichkeit bekommt man nicht im Schneideraum in den Griff. Nicht am Umgang mit den Tätern zeigt Hollywood, was es aus dieser Affäre gelernt hat. Sondern am Umgang mit den Opfern.

Und als Zuschauer? Darf man weiter über Louis C.K. lachen? Unterstützt man indirekt ein sexistisches System, wenn man „American Beauty“ immer noch mag? Oder sollte man, wie einige fordern, Spacey seine beiden Oscars aberkennen? In der Kunst ist es, anders als bei Turnschuhen, zulässig, zwischen Werk und Urheber zu trennen. Sonst müsste man Klaus Kinski, den seine Tochter Pola des Missbrauchs beschuldigt, aus allen Werner-Herzog-Filmen schnippeln und niemals mehr einen Film von Roman Polanski zeigen.

Ein harter Schnitt

Christopher Plummer (87), ersetzt Kevin Spacey im Entführungsdrama „Alles Geld der Welt“. Regisseur Ridley Scott hatte nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen den „House of Cards“-Star entschieden, Spacey kurzfristig aus dem fertigen Film herauszuschneiden. Die Szenen mit Spacey in der Rolle des Ölmilliardärs Jean Paul Getty werden nun mit Hollywood-Legende Christopher Plummer nachgedreht. Der Film erzählt die Geschichte der Entführung des reichen Erben John Paul Getty III., der sich 1973 fünf Monate in der Hand skrupelloser Entführer befand. Weitere Stars des Films sind Michelle Williams und Mark Wahlberg. Plummer will der Rolle seinen eigenen Stempel aufdrücken. „Die Situation ist sehr traurig, weil Spacey so ein talentierter Kerl ist. Der ganze Umstand ist traurig“, erklärte Oscar-Preisträger Plummer. „Es wird natürlicherweise anders werden, aber ich muss das vergessen und es machen, weil es so ein gut geschriebenes Drehbuch ist.“

Imre Grimm

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