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Die Saiten der Freiheit

Die Saiten der Freiheit

Kiel. Das Cello auf der Bühne wird zum Zeichen in der Kieler Inszenierung von Rossinis Oper „Wilhelm Tell“: Freie heimatliche Identität entsteht im kulturellen Gedächtnis einer gleichgestimmten Gemeinschaft – vor allem durch Sprache, Bräuche, Musik, Dichtung und Malkunst.

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Vater und Sohn: Guillaume Tell (Stefano Meo, r.) als großer Kämpfer und Mahner und Jemmy (Katerina von Bennigsen), der Schwärmer .

Dafür steht hier Jemmy, der junge Schwärmer, dessen Hoffnungsschreie die Sopranistin Katerina von Bennigsen immer wieder wie SOS-Raketen über allem leuchten lässt. Dieser Sohn des großen Mahners Guillaume, dem der italienische Kavalierbariton Stefano Meo über knapp dreieinhalb Stunden baumstark vokale Präsenz verschafft, träumt sich schon während der Ouvertüre (mit ihren berühmt balsamischen Gebetsgesängen in den Celli) in ein von jeglicher Zensur befreites Kunst-Welt-Ideal hinein. Doch solche Gedanken werden sogleich in der anschließenden Gewittermusik von barbarischen Schergen mit Füßen getreten und nachhaltig verletzt: Kunst ist für sie Anarchie.

Der italienische Regisseur Fabio Ceresa versteht Gioacchino Rossinis letzte und vielleicht bedeutendste Oper, die Bearbeitung von Schillers Wilhelm Tell, als großes Gleichnis. Das historisch-politische Grand-Opéra-Tableau eines Befreiungskrieges der Schweizer von der Besetzung durch die Habsburger zu Beginn des 14. Jahrhunderts tritt zugunsten einer allgemeingültigen Warnung vor kultureller Unterdrückung zurück. In den opulenten, an historische Ölgemälde erinnernden Kostümen von Giuseppe Palella und der von romantischer Natur- und Wissenschaftssymbolik beherrschten Bühne von Sergio Mariotti klammern sich die Unterdrückten an ihre vielen Musikinstrumente. Deren Klänge sind verbotene Waffen; die Saiten dienen zur Not sogar als Bespannung der Schützenbögen.

Die amusischen Unterdrücker, böse deutsche Bilderstürmer und Bücherverbrenner in farblos-düsteren Restaurationsuniformen, werden angepeitscht vom ewig gestrigen Metternich-Monster Gesler, dem Jörg Sabrowski in Stimme und Statur ebenso fies knurrenden Hass einverleibt wie ihm sein Handlanger Rodolphe (Martin Rainer Leipoldt) scharfzüngig zu Diensten ist. Den berühmten Apfel stilisieren sie zum zentralen Symbol ihrer Macht: Nur wer von den Saiten der Freiheit ablässt, bekommt zu Essen.

Es gibt also für die in Angst und Hunger gehaltenen Kunstsinnigen Grund zum Zagen und Bangen. Dabei bleiben der Fischer Ruodi (Fred Hoffmann), der Schäfer Leuthold (Matteo Maria Ferretti), der alte Melcthal (Timo Riihonen) und besonders Jemmys Mutter Hedwige (Tatia Jibladze) zumindest alle gut bei Stimme.

Besonders differenziert und immer auffällig nah an den einkomponierten Gesten der Musik zeichnet Ceresas Personenregie das gefährdete Liebespaar. Der Schweizer Verschwörer Arnold ist hier nicht nur ein fatal in die gegnerische Prinzessin verknallter Haudegen, sondern ein sensibler Zweifler an sich selbst und seiner Kunst. Er weiß offensichtlich nicht, ob der „fremde“ kulturelle Einfluss seiner göttlich weiß gewandeten Muse Mathilde Fluch oder Segen ist. Ihre beiden extrem schwierigen, gefürchtet hoch liegenden Partien erweisen sich zudem als besonders brillant gesungen: Anton Rositskiy findet mit gleißend aufflammendem Tenor zu einer überzeugenden Mixtur aus Kopf- und Bruststimmenregister; Agnieszka Hauzer hat die jugendlich-dramatische Sopranattacke, aber eben auch Schmelz und Koloraturgewandtheit parat.

Das alles wäre schon Opernereignis genug. Doch den allergrößten Schub verleihen ihm die Kollektive. Der Chor glänzt, einstudiert von Lam Tran Dinh und abwechslungsreich bewegt von Mattia Agatiello, im Lyrischen mit feinstofflicher Klangsinnlichkeit und in den markigen Männerchören und den Finalsteigerungen mit überwältigender Schlagkraft. Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg hält am Pult nicht nur die Massen sicher beisammen, er animiert die Philharmoniker auch zu unermüdlich zündend virtuos gesteigertem, zugleich schwelgerischem wie dramatisch fiebrigem Spiel.

Nach 90 Jahren Funkstille verdient sich die Wiederaufführung des geschickt gekürzten Guillaume Tell die Publikumsovationen, in die sich nur für die im Kern konsequent zugespitzte, aber zugleich auch traditionsverliebt wirkende Inszenierung ein paar Buhs mischen.

Termine am 19. und 28. Oktober, 24. November, 12. Dezember, 5., 13. und 21. Januar, 4. und 24. Februar, 4. und 15. März sowie 11. April.

Karten: Telefon 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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