Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
„Die Straße hat mich therapiert“

„Die Straße hat mich therapiert“

Fußgängerzone und Fußballstadion: Jimmy Kelly kennt beide Seiten des Musikerlebens. Jetzt feiert er mit der Kelly Family ein Comeback.

Lübecker Nachrichten: Sie haben mit der Kelly Family jahrelang Straßenmusik gemacht und hatten ab 1994 mit dem Album „Over the Hump“ Riesenerfolge. Seit 2007 spielen Sie wieder auf der Straße. Wie leicht fiel das?

Jimmy Kelly: Das war psychologisch gesehen auch erst schwierig für mich. Ich hatte durch den Druck und Erfolg eine Zeit lang richtig Misstrauen gegen Menschen und einige Ängste aufgebaut. Wir waren ja nur noch in Fußballstadien und großen Arenen aufgetreten, nichts ging mehr ohne Bodyguards. Und auf einmal steh’ ich dann wieder auf diesen kleinen Plätzen, das war schon seltsam. Aber ich liebe die Straße, das ist die ehrlichste Bühne von allen! Nichts ist so authentisch wie die Straße. Jede große Bühne ist Pillepalle und großer Luxus dagegen!

Sie wurden sogar mit Klorollen beworfen und waren in Schlägereien verwickelt.

Das gab es alles! Eine Gitarre von mir wurde mal komplett zerstört. Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis. Ein paar junge Männer haben mir zugehört und sich zugeraunt: „Ich krieg’ richtig Gänsehaut.“ Die wollten unbedingt meine CD kaufen. Wir hatten ja meist weibliche Fans, da war ich froh, mal ein Kompliment von männlicher Seite zu bekommen. Als ihre Freundinnen dann aber vom Shopping wiederkamen und an der Aufschrift sahen, dass ich ein Kelly bin, haben Sie die CD sofort auf den Boden geworfen und geschimpft und sind weggegangen.

Wie sind Sie mit solchen Anfeindungen umgegangen?

Als Ex-Kelly bist du nicht überall willkommen. Einige Zuschauer haben sich gedacht: „Das ist einer von denen, jetzt haben wir den und zeigen’s ihm!“ Einige hielten auf Stadtfesten Schilder hoch wie „Kelly hau ab!“ Sowas hat mich anfangs verletzt, dann habe ich gelernt, damit umzugehen. Zumal ich überwiegend positive Gespräche geführt habe. Viele wollten mich kennenlernen, manchmal flossen Tränen, und ich habe unglaublich viel gelernt, was man abgeschirmt auf der großen Bühne so nicht haben kann. Im Mai bringe ich über diese Erfahrungen auch ein Buch heraus.

Sie hatten Riesenerfolge, aber später auch schwierige Jahre mit Alkohol, Drogen und Suizidversuchen.

Ich war einige Zeit sehr verwirrt und kam mit dem Erfolg nicht klar. Der Erfolg hatte unseren Lebensstil sehr verändert. Ich würde sagen, ich bin jetzt auf dem Weg, ein guter Mensch zu werden, der Prozess ist nie abgeschlossen. Durch Arbeit bildet und baut man ja auch stets die Persönlichkeit, wie der Chef von Michelin mal gesagt hat. Es hat hat einige Jahre gedauert, bis ich aus dem Tal heraus war.

Wie waren die frühen Jahre mit ihren Geschwistern?

Wir zogen quer durch die Lande, Spanien, Italien, USA, Deutschland. Einen geregelten Schulbesuch gab es nicht, unser Vater Daniel hat uns unterrichtet. Er war ein Stück weit auch ein Kindskopf und Idealist und hatte dann solche jecken Ideen, dass wir in einem selbst angemalten Doppeldeckerbus leben.

Das Verhältnis zu Ihrem Vater war problematisch, er galt als autoritär.

Er hatte zwölf Jahre lang mit dem Alkohol zu kämpfen. Das war natürlich oft schwierig, auf so engem Raum mit einer großen Familie. Eine gewisse strenge Hand musste natürlich sein, um alles zu organisieren. Mein Vater hat es nach dem Tod unserer Mutter 1982 aber geschafft, bis zu seinem Tod 20 Jahre lang abstinent zu bleiben, so dass ihn die später geborenen Geschwister wieder ganz anders kennengelernt haben.

Zwischendurch gab es 1980 mit „David’s Song“, der Titelmusik aus dem ZFD-Vierteiler „Die Abenteuer des David Balfour“, schon einen ersten Hit. Die Kelly Family war in 50 TV-Sendungen vom „Großen Preis" bis zu Shows mit Rudi Carrell und Vico Torriani zu Gast.

Ja, mein Vater hat sich dann aber mit der Plattenfirma Polydor verkracht und wir sind wieder weiter als Straßenmusiker durch die Lande gezogen. Frankreich, USA, später wieder acht Jahre Deutschland. Unsere Platten haben wir ja immer mit einem Independentlabel aufgenommen und bei Konzerten verkauft. Von „WOW“, dem Album vor „Over the Hump“, haben wir etwa 250 000 Exemplare abgesetzt.

Wir haben im Jahr um die 500000 Mark verdient als Straßenmusiker, aber manchmal lebten wir auch am Existenzminimum.

Die Kelly Family steht demnächst wieder auf der Bühne. Das Comebackalbum erreichte Platz 1 in Deutschland, eine Hallentour 2018 ist angesagt. Ist Ihnen nicht mulmig, dass der Hype von vorne losgeht?

Das glaube ich nicht, wir sind ja alle älter geworden und haben Familie, die Fans sind auch gereift. Die Straße hat mich eigentlich sehr gut therapiert. Erfolg ist nicht alles: Ich habe erfolgreiche Musiker kennengelernt, deren Musik ich gern höre, die aber privat Riesenarschlöcher sind – das kann ich gut unterscheiden. Interview: Alexander Bösch

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden