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Kultur im Norden „Die Straße war meine Schule“
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20:13 28.10.2017
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„Ich habe so lange darauf gewartet!“ Für Edson Cordeiro, der in seinem Heimatland Brasilien ein Star ist, dem das Promi-Magazin „Caras“ – die brasilianische „Gala“ – eine Doppelseite gewidmet hat, wird das Konzert im Kolosseum der erste öffentliche Auftritt in Lübeck sein. Der zudem noch auf den 50. Geburtstag seines Managers und Ehepartners Oliver Schrank fällt. „Ich werde so aufgeregt sein“, seufzt Cordeiro. Der Brasilianer, auf der Bühne eine schillernde Diva, lebt privat ganz zurückgezogen seit 2014 in Lübeck, ein Mann von zarter Statur mit tiefdunklen Augen. Die wilden schwarzen Locken, die ihn früher wie den Prototyp des Latin Lover aussehen ließen, sind abrasiert. Doch der eigentlich kühle, harte Look macht die künstlerische Sensibilität des 50-Jährigen umso sichtbarer.

Sein erstes Publikum hat Edson Cordeiro auf den Straßen der 20-Millionen-Stadt São Paolo für sich gewonnen. Heute ist er in Brasilien ein Star und sagt: „Es gibt kein schwieriges Publikum.“ Quelle: Foto: Gal Oppido

Die deutschen Göttinnen:Zarah Leander, Nina Hagen

„Paradiesvogel“ heißt, nicht ohne Grund, das vorletzte Album des Countertenors, dessen Gefieder die Klangfarben unterschiedlichster Genres schmücken. Seine Stimme, die sich klar und warm bis in die Höhen des Sopran schwingt, scheint prädestiniert für die großen Arien. Doch Cordeiro, flatterhaft und schillernd in seiner Liebe zur Musik, will sich nicht festlegen lassen, stellt Salsa, Chanson und Songs von Zarah Leander oder Marlene Dietrich neben das klassische Opernrepertoire. „Ich nähere mich der Musik wie ein Schauspieler. Sie ist eine Möglichkeit, in verschiedene Rollen zu schlüpfen“, erklärt Cordeiro seine Lust an der Verwandlung. „Und ich habe eine brasilianische Seele, ich liebe das Drama!“

In all seiner Bandbreite ist Edson Cordeiro ein reiner Autodidakt, dessen Leidenschaft für das Singen den Gesangsbüchern der katholischen Kirche entsprungen ist. Er habe als Kind in der Kirche angefangen zu singen und dann nicht mehr aufhören wollen. Allerdings protestierten die vielen Frauen, mit denen Cordeiro aufgewachsen ist, seine Mutter, drei Schwestern und die tief religiöse Großmutter Donna Elisa, gegen den unermüdlichen hellen Kopfstimmengesang des Kleinen: „,Hör bloß auf‘, hieß es immer, ,du singst viel zu hoch!‘“

Nina Hagen sei seine Rettung gewesen. „Ich habe sie gehört und dachte: Wenn die Leute sie lieben, dann können sie auch mich lieben!“ Die exzentrische Punk-Rock-Diva war 1985 beim „Rock in Rio“-Festival aufgetreten und hatte sich damit in Brasilien eine riesige Fangemeinde geschaffen. Und den 18-jährigen Edson Cordeiro ermutigt, sich ein Publikum auf den Straßen seiner Heimatstadt São Paulo zu suchen. „Da habe ich das erste Mal erlebt: Das ist gut, was ich mache. Die Leute mögen mich, sie geben mir Geld, sagen nicht, stop, das ist genug.“ Die Straße sei eine wunderbare, aber auch eine harte Schule gewesen. Heute sei er „ready for everything – for the flowers and for the stones (für alles gewappnet – für die Blumen wie für die Steine)“, sagt er rückblickend.

Der Paradiesvogel aus Brasilien hat sich längst auch in Europa eine Fangemeinde erobert. Nach einem ersten DeutschlandBesuch 1994 in Berlin zog es ihn immer wieder zurück in das Land von Schubert, Mozart und der deutschen Romantiker, die er ebenso sehr verehrt wie die großen Diven dieses Landes. „Ich glaube nicht mehr an Gott, aber an Göttinnen“, sagt Edson Cordeiro. „An Maria Callas, Marlene Dietrich, Zarah Leander, Alexandra.“ Und natürlich an Nina Hagen, aus deren Repertoire er sich 1992 zwei Stücke für sein erstes eigenes Album entliehen hat. Viele Klassiker der deutschen Diven sind ein wichtiger Teil seines eigenen Kanons geworden; zwei Lieder der so jung gestorbenen Alexandra hat er als Fado-Versionen eingesungen – sie habe die Melancholie des Fado in ihrer Stimme getragen, sagt Cordeiro.

Der portugiesische Fado, dieser sehnsuchtsvolle, melancholische Gesang, ist der Kern seines neuen Albums „Fado Tropical“, das er auch auf einer Tournee in Portugal vorstellen wird. Die Musik des Fado sei so expressiv, dass es keiner Sprache bedürfe, um ihn zu verstehen. Fado bedeute Schicksal, und sich dem Schicksal zu stellen, das erfordere Mut, sagt Edson Cordeiro, der dem Fatalismus des „portugiesischen Blues“ das brasilianische „Tropical“ entgegenstellt: „Wir verwandeln Traurigkeit und Melancholie in Rhythmus.“

Nun kann der Brasilianer seine Leidenschaft für den Fado endlich auch in Lübeck präsentieren. Nach seiner Heirat vor drei Jahren ist Edson Cordeiro in die Hansestadt umgezogen – „ein offenes Mittelaltermuseum mit sehr viel Lebensqualität“. Er wolle jetzt endlich auch besser Deutsch lernen, eine Sprache, die er leichter singt als spricht. Für ihn sei das auch ein Zeichen, Danke zu sagen, dass er hier zuhause ist: „Lübeck braucht mich nicht. Ich brauche die Stadt mehr als sie mich“, sagt er – und fiebert seinem Auftritt entgegen.

Wider die Schublade

Edson Cordeiro wurde 1967 im brasilianischen Santo André geboren. Er war sechs, als er mit dem Singen begann, er sang in der Kirche, in den 80er in Rockopern wie „Amapola“ und „Hair“ und tourte mit Molières „Der eingebildete Kranke“ durch Europa und Amerika. Er machte sich einen Namen als Solokünstler, nahm Platten auf und ließ sich auf kein Genre festlegen. Sein jüngstes Album „Fado“ ist Anfang des Jahres erschienen.

Regine Ley

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