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Die Stützen der morschen Gesellschaft

Lübeck Die Stützen der morschen Gesellschaft

Es war ein etwas holperiger Beginn der neuen Spielzeit . Regisseurin Mirja Biel hatte ihre liebe Not damit, eine Fülle von Ideen mit Ibsens Klassiker in sinnvolle Bezüge zu bringen und daraus einen in sich geschlossenen Abend zu machen. Von Ibsen war vor allem im ersten Teil wenig zu hören.

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Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828 - 1906) schrieb zahlreiche Stücke für das Theater.

Lübeck. Denn die Regisseurin hat Ibsens Drama nicht nur kräftig eingekürzt, was unbedingt notwendig ist. Sie hat auch die Sprache der Übersetzung von Marie von Borch heftig umgekrempelt und auf „jugendlich“ getrimmt. Kann man machen, verstimmt aber gewiss alle Ibsen-Puristen. Die eingestreuten Songs von Tocotronic und anderen Pop-Größen lenkten häufig eher vom Geschehen auf der Bühne ab, als dass sie zur Wahrheitsfindung beitragen. Das galt auch für Will Workmans wackeres Klavierspiel. Dass Workman eigentlich den Kapitän Horster, einen der wenigen anständigen Menschen in diesem Drama der Schieber, Lügner und Demagogen, darstellte, wurde auch nicht recht klar. Warum Sven Simon im Mikrobenkostüm über die Bühne wuseln musste, bleibt auch ein Rätsel der Regisseurin – diese Plumpheit wirkte aufgesetzt, zumal Simon im zweiten Teil im klassischen Gehrock erheblich bedrohlicher wirkte.

LN-Bild

Es war ein etwas holperiger Beginn der neuen Spielzeit . Regisseurin Mirja Biel hatte ihre liebe Not damit, eine Fülle von Ideen mit Ibsens Klassiker in sinnvolle Bezüge zu bringen und daraus einen in sich geschlossenen Abend zu machen. Von Ibsen war vor allem im ersten Teil wenig zu hören.

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Vor der Pause entwickelte sich ein überfrachtetes Spiel, in dem Mirja Biel mehr auf Körperlichkeit denn auf Inhalte zu achten schien. Es wirkte, als ob die Regisseurin kein Vertrauen in den Text hatte, was in einem Konversationsstück wie „Ein Volksfeind“ fatal ist. Sie versuchte stattdessen eine Bebilderung zu schaffen, die jedoch häufig ins Leere lief. Die ständigen Freiübungen der Schauspieler, ihr ständiges Gebrüll wirkte auf Dauer ermüdend. Da war die Umwidmung von Katrine von der Gattin Dr. Stockmanns zu dessen Tochter noch eine angenehme Überraschung. So konnte Rachel Behringer als junges Mädchen ganz wunderbar ungezwungen ihre Sicht auf Umwelt- und Naturschutz zum besten geben, was im allgemeinen Getöse geradezu entspannend wirkte.

Aus dem Ober-Kleinbürger und Vorsitzenden des Hausbesitzervereins machte Mirja Biel eine Frau. Für Astrid Färber eine prächtige Gelegenheit, wieder einmal eine aggressiv-dämonische Frauenfigur zu spielen, der man noch nicht einmal am hellichten Tag begegnen möchte.

Nach der Pause nimmt die Inszenierung im besten Sinne Fahrt auf. Eng am Text zeigt Mirja Biel, wie der redliche Dr. Stockmann immer mehr in die Enge getrieben wird, bis er am Ende allein in einem Grab aus Dreck und Trümmern zurückbleibt. Die Kulisse aus Papier, ebenfalls von Mirja Biel entworfen, bewährt sich als Ort der nichtvorhandenen Sicherheit. Mit bloßer Hand lässt sich die Guckkasten-Welt demolieren – das ist ein starkes Bild.

Schauspielerisch lässt diese Produktion, die erst in der zweiten Hälfte überzeugt, keine Wünsche offen. Jan Byl ist ein überzeugender Anständiger im Haifischbecken, Matthias Hermann als Stadtpräsident ein aalglatter Politikerdarsteller, der in seinem Sprechen und Agieren fatal an Personen erinnern, die sich heute zur Wahl stellen. Sina Kießling als Redakteurin überzeugt in ihrer Schlampigkeit (Kostüme: Katrin Wolfermann), Patrick Berg ist ein wenig zu alt für die Rolle des Volontärs, dem nichts zu schwer ist. Mit der lebhaften Rachel Behringer und dem unerschütterlichen Sven Simon als Schurke im Hintergrund sowie der groß auftrumpfendenAstrid Färber ergibt sich eine ganz ausgezeichnete Ensemble-Leistung in einer Inszenierung, die in weiten Teilen wirkte, als wäre sie eine Art Revue nach Motiven aus Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“. Immerhin aber zur Saisoneröffnung ein echtes Drama, ein für das Theater geschriebenes Werk und nicht wieder die Dramatisierung eines Romans.

Es gibt noch genug Schätze, die darauf warten, gehoben zu werden. In dieser Saison ist es zum Beispiel Franz Grillparzers „Das Goldene Vlies“ (Premiere am 24. November), eine selten gespielte Version des Argonauten-Mythos, nach der Friedhelm Döhl das Libretto seiner Oper „Medea“ gestaltet hat. Ibsen zum Auftakt war in dieser Hinsicht eine gute Entscheidung, auch wenn die Inszenierung einige Fragen offenließ und sich gelegentlich in Mätzchen verlor. Das Publikum in der Kammerspielen war es auch zufrieden und applaudierte kräftig.

Nächste Aufführungen: heute (18.30 Uhr), 29. September (20 Uhr).

Nationaldichter Ibsen

Henrik Ibsen (1828-1906) gilt als bedeutendster Dramatiker Norwegens. Er hatte bereits in jungen Jahren Kontakt zur norwegischen Arbeiterbewegung, 1851 wurde er Hausdichter und künstlerischer Leiter am Norske Theater in Bergen, für das die nationalromantischen Dramen „Die Johannisnacht“, „Frau Inger auf Östrot“ und „Das Fest auf Solhaug“ schrieb. Ersten Erfolg hatte er 1864 mit „Die Kronprätendenten“, im selben Jahr verließ er Norwegen und verbrachte die nächsten 27 Jahre in Italien und Deutschland. Im „freiwilligen Exil“ entstanden Ibsens bedeutendste Bühnenwerke., „Stützen der Gesellschaft“ (1877), 1879 „Nora oder Ein Puppenheim“, 1881 „Gespenster“ und 1882 „Ein Volksfeind“. Henrik Ibsen starb am 23. Mai 1906 in seiner Wohnung in Kristiania (Oslo).

Jürgen Feldhoff

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