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Kultur im Norden Die Theaterbühne als Gerichtssaal
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19:13 12.04.2016
Prozess um Recht und Moral: Major Lars Koch (Andreas Grötzinger) und die Vorsitzende Richterin (Anja Lais). Quelle: Fotos: Matthias Baus, Dpa

Das Stück ist ein Renner. Seit seiner Uraufführung am 3. Oktober 2015 in Berlin und Frankfurt am Main haben bereits 16 Theater „Terror“ nachgespielt. Ein eindrucksvoller Erfolg, hinter dem mehr steckt als eine kluge Vermarktungsstrategie, mehr auch als die Zugkraft eines in kurzer Zeit kometengleich aufgestiegenen Schriftstellers. Ferdinand von Schirach, von Haus aus Strafverteidiger, hat ein Gespür für Themen, die die Menschen bewegen — und beunruhigen. In seinem ersten Theaterstück, das nun auch im Hamburger Schauspielhaus auf die Bühne kam, ist es die durch die Anschläge in Paris und Brüssel aktuell angefachte Terrorangst, die der bisher nur als Erzähler weltweit bekannt gewordene Autor virtuell beschwört.

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Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ am Schauspielhaus in Hamburg.

Glasklar das Szenario, das er dafür entwirft. Ein Kampfflieger der Luftwaffe, Major Lars Koch (Andreas Grötzinger), schießt einen mit 164 Menschen besetzten Airbus ab, den ein Terrorist auf dem Flug von Berlin nach München in seine Gewalt gebracht hat. Er tut es, weil der Entführer den Piloten der Passagiermaschine zwingen will, das Flugzeug direkt hinein in die mit 70000 Zuschauern gefüllte Münchner Fußball-Arena zu steuern. In der Abwägung zwischen 164 und 70 000 möglichen Opfern entscheidet sich Koch für den Abschuss, obwohl das Bundesverfassungsgericht 2006 gerade ein derartiges Vorgehen als grundgesetzwidrig eingestuft hatte. Nun muss sich der Major vor einem Schwurgericht wegen 164-fachen Mordes verantworten, die Bühne mutiert zum Gerichtssaal, und die Zuschauer sollen die Rolle von Schöffen übernehmen und das Urteil sprechen.

Um es vorwegzunehmen: Bei der Premiere in Hamburg warfen 300 Besucher ihre Kärtchen in die „Unschuldig“-Urnen, und nur 238 entschieden sich für „schuldig“.

Sonst aber ist im Schauspielhaus alles ganz anders als etwa am Deutschen Theater in Berlin. Dort versuchte man Schirachs Vorlage, die nichts anderes ist als ein bis ins letzte Detail durchkalkuliertes Gedankenkonstrukt, mit theatralen Mitteln aufzumischen, sprich: theatergerecht zu inszenieren. Nichts davon in Hamburg. Da spricht man nicht von Inszenierung, sondern von „Einrichtung“, kein Regisseur hat Hand angelegt, vielmehr haben zwei Dramaturgen (Rita Thiele, Jörg Bochow) die Abläufe geordnet. Überdies gibt man vor, nur zwei Wochen Probenzeit gehabt zu haben, weshalb die nicht ganz textsicheren Schauspieler ab und zu in ihre Spickzettel gucken müssten, um nicht stecken zu bleiben.

Dies alles widerspricht dem gedanklich und formal streng durchkomponierten Stück total. Und deshalb sieht es so aus, als wollten die Hamburger „Einrichter“ die starre Statik der Vorlage mit lockerer Improvisation und Spontaneität aufbrechen. Mehr noch: Das vorgeblich Unfertige der Aufführung korrespondiert mit dem Unfertigen eines Gerichtswesens, das nicht in der Lage ist, den Fall des Majors Koch überzeugend zu lösen. Der zum Zuschauerraum hin abfallende Boden der extrem minimalistischen Bühne (Jo Schramm) ist ein Sinnbild für die arg ins Rutschen geratenden Argumentationsmuster von Staatsanwältin (Karoline Bär) und Verteidiger (Markus John). Sie verstrickt sich allzu sehr in komplizierte rechtsphilosophische Überlegungen zum Wert jedes einzelnen Menschenlebens, er hingegen macht es sich allzu leicht, wenn er zugunsten seines Mandanten im Grunde nichts anderes in die Waagschale zu werfen hat als die Formel vom „kleineren Übel“.

Aus dem unaufhebbaren Konflikt der beiden Rechtsauffassungen entsteht die Spannung der Aufführung. Und sie erwächst auch aus der Art, wie die Darsteller gewitzt versuchen, das einengende Korsett der Vorlage etwas zu weiten. Die Staatsanwältin konterkariert ihre hehren Ausführungen oft mit schnippischem Charme, die Vorsitzende (Anja Lais) entledigt sich irgendwann des Oberteils ihres schwarzen Hosenanzugs und verstößt damit gegen das Reglement des hohen Gerichts, und der Angeklagte (Jonas Hien) unterminiert seine preußisch anmutende Soldatendisziplin ab und zu mit einem Anflug von Ironie.

Kleine Freiheiten im eng gezogenen Rahmen der Prozess-Dramaturgie.

Nächste Vorstellungen: 18. April, 7. und 8. Mai. Karten: 040/24 87 13.

Anwalt und Literat

Er ist Schriftsteller und seit 1994 Strafverteidiger in Berlin: Ferdinand von Schirach. Die Krimi-„Stories“, die der 1964 in München geborene Anwalt 2009 unter dem Titel „Verbrechen“ veröffentlichte, sind aus der Sicht seiner juristischen Karriere und vor dem Hintergrund von Fällen, die er in seiner Kanzlei erlebte, geschrieben. Das Buch wurde ein großer Erfolg — ebenso wie von Schirachs nur ein Jahr später erschienener Band „Schuld“ mit weiteren „Stories“. Außerdem schrieb er den Roman „Der Fall Collini“. Von Schirach erhielt unter anderem den mit 20000 Euro dotierten Kleist-Preis.

Ferdinand von Schirach ist der Enkel von Baldur von Schirach, dem NS-Reichsjugendführer. Auch aus diesem Grund rückte der Strafrechtler in den Blick der Öffentlichkeit.

Von Hermann Hofer

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