Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Die Verführer aus dem Silicon Valley

Lübeck Die Verführer aus dem Silicon Valley

Theater Lübeck startet die neue Schauspielsaison mit „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“.

Voriger Artikel
Diese Scherben bringen Glück
Nächster Artikel
Zwischen Weltpolitik und Weltschmerz

Erst vernarrt, dann bekehrt: Patrick Heppt in „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“.

Quelle: Foto: Lutz Roeßler

Lübeck. Man rätselt, ob das Stück schon angefangen hat. Patrick Heppt läuft herum und fragt Premieren-Zuschauer: „Was haben Sie für ein Handy?“ Wer ein i Phone sein eigen nennt, weiß: Darum geht‘s. Um Steve Jobs, um Apple, um ein Betriebssystem, das so etwas wie eine Religion geworden ist. Das jedenfalls ist eine Kernaussage in dem Monolog „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“, vorgetragen im Jungen Studio des Theaters Lübeck.

Das Ein-Personen-Stück des New Yorkers Mike Daisey ist eine Anklage, der Vortragende ein bekehrter früherer Apple-Anhänger, der nun 60 Minuten lang bemüht ist, dem Publikum klarzumachen, was hinter den Kult-Produkten steckt. Angeprangert werden die Skrupellosigkeit des Steve Jobs, die unmenschlichen Produktionsmethoden beim chinesischen Hersteller Foxconn — und die Bereitschaft, Apple-Produkte wie i Phone oder

i pad als Heiligtümer anzusehen, sich ihnen zu unterwerfen.

Die Suada birgt die Gefahr in sich, Zuschauer schnell zum Gähnen zu bringen. Schließlich werden einem hier ohne Unterlass Informationen um die Ohren gehauen, die einem zu einem großen Teil bereits bekannt sind. Über die Produktionsbedingungen bei Foxconn zum Beispiel weiß man einigermaßen Bescheid — spätestens, seitdem der Dokumentarfilm „Apple Stories“ lief.

Dass es dennoch ein äußerst lohnender Theaterabend ist, liegt an der witzigen Inszenierung von Matthias Kuhlemann — und an der Kunst des Patrick Heppt. Wenn das Publikum einbezogen wird, ist eigentlich Vorsicht geboten, das hat etwas von Cluburlaub und birgt das Risiko, sich gründlich zu blamieren. Wenn Heppt im Zuschauerraum mit Hilfe eines rot-weißen Flatterbands eine Sonderwirtschaftszone einrichtet und die Besucher antreibt, schnell, sehr schnell aus weißen Din-A-4-Papierbögen Flugzeuge zu falten, sind solche Sorgen unbegründet. Auf diese Weise wird einem das Thema im wahrsten Sinne des Wortes sehr nahegebracht. Auch dass Steve Jobs und Apple-Mitbegründer Steve Wozniak als Puppen auftreten, belebt den Vortrag ungemein.

Heppt bespielt den ganzen Raum. Er zieht sich ein seltsames Gewand über, stellt sich auf einen Tisch, hebt die Arme wie ein Prediger — und zieht die Apple-Verehrung durch den Kakao: „Ihr werdet durch unsere Produkte gebenedeit sein.“ Er verteilt Apple-Hostien. Und wenn es aus dem überdimensionierten Apfel, der von der Decke hängt, quäkt: „I love you“, rennt er hin, um das Ding zu liebkosen. In solchen Momenten treten Apple und Steve Jobs in den Hintergrund. Es geht um mehr. Um Produkte, an die Menschen ihr Herz hängen, um falsche Gefühle, den Verlust der eigenen Autonomie und um Einsamkeit, die so entsteht. Ein richtiges Ende hat das Stück nicht. Das Publikum verlässt nach und nach das Junge Studio, in dem der großartige Patrick Heppt anscheinend nicht müde wird, einen Abschiedstanz zu zelebrieren.

Weitere Vorstellungen: 7., 12., 21.9., jeweils 20 Uhr, Junges Studio

„Man könnte sagen, dass wir heute von einem Betriebssystem als Religion reden.“
Aus dem Stück

Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden