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Die Wahrheit über die Wilden

Berlin Die Wahrheit über die Wilden

„Auf den Spuren der Irokesen“: Eine Berliner Schau rückt das Bild zurecht, das Romane und Filme von den Indianern geprägt haben.

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Irokesen bauten die New Yorker Wolkenkratzer: Plakatmotiv der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.

Berlin. „Die Vergangenheit ist nicht vorbei“, sagt der Künstler und irokesische Aktivist Peter Jemison. Er sitzt in einem hölzernen Langhaus im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada, während draußen Schnee rieselt. Im Martin-Gropius-Bau in Berlin sieht man ihn auf einem Bildschirm, er erzählt in Endlosschleife vom Schicksal und der schwierigen Identitätsfindung seines Volkes. Neben dem Video finden sich ethnologische Stücke in Vitrinen: ein abgenutzter Bogen, hölzerne Pfeile, Paddel, Schneeschuhe, Bastkörbe.

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Irokesen bauten die New Yorker Wolkenkratzer: Plakatmotiv der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.

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Die bislang umfassendste Irokesen-Ausstellung mit rund 500 Objekten — darunter Leihgaben aus der Kunstkammer in St. Petersburg und dem Pariser Musée du Quai Branly — zeichnet jenseits der Indianerromantik ein überraschend facettenreiches Bild der Geschichte und des Alltags der irokesischen Stämme, die sich besonders hartnäckig gegen koloniale Eindringlinge wehrten.

Romanschriftsteller und Hollywood zementierten das Bild der grausamen Skalpjäger. In den „Lederstrumpf“-Büchern und Filmen sind wilde Irokesen dem letzten „edlen“ Mohikaner gegenübergestellt. Die von der Bonner Bundeskunsthalle in Zusammenarbeit mit indianischstämmigen Forschern, Künstlern und Aktivisten erarbeitete Schau zeichnet demgegenüber ein komplexes Bild und gibt Einblick in die komplizierte indianische Identität zwischen Selbst- und Fremdbestimmung.

Von Schaukasten zu Schaukasten und von Wandtext zu Wandtext wird ungewisser, was als typisch indianisch anzusehen ist. 500 Jahre Kontakt mit der europäischen Zivilisation hinterließen bis in den Hausrat hinein Spuren. Filigrane Glasperlen, mit denen Mokassins, Gürtel und Stulpen reich bestickt wurden, haben beispielsweise Europäer mitgebracht. Sogar der Name zeugt von Fremdbestimmung:

Irokese (Klapperschlange) ist eine Bezeichnung, die Kolonisten von Feinden der Haudenosaunee („Leute des Langhauses“) übernahmen.

Die legendäre irokesische Liga — eine Vereinigung von Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca — hatte rund 100 Jahre für Frieden unter den Stämmen gesorgt. Vereint stellten sich die Irokesen den Kolonialarmeen entgegen oder schützten ihre Kultur durch Diplomatie. Aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aber gingen sie als Verlierer hervor, verloren Land und Autonomie — und landeten schließlich in Reservaten. Steuerfreiheit für Branntwein auf Indianergebieten und die staatliche Zulassung von Spielkasinos zeichneten Biografien vor und beförderten den Verfall von Gesellschaften.

Und doch erstarkte zunehmend das Selbstbewusstsein der Irokesen, denen sich heute rund 120 000 Menschen zurechnen. Eine Grafik vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt Indianerinnen, die weißen Frauenrechtlerinnen zurufen: „Wir, die wir von euch als Arbeitstiere bemitleidet werden, haben schon vor Jahrhunderten das Ziel erreicht, dem ihr euch nähert.“ In der irokesischen Gesellschaft hatten Frauen ökonomische und politische Macht.

Das irokesische Kriegertum erfuhr eine überraschende Rehabilitierung, als sich amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg siegesstolz Irokesenfrisuren zulegten: Hahnenkamm mit ausrasierten Seiten, wie man sie später bei Punks sah. Eine Fotografie zeigt US-Fallschirmjäger 1944 mit Irokesenhaarschnitt und Kriegsbemalung.

Generationen von Irokesen arbeiteten, so erfährt man in der Ausstellung, im Stahlhochbau. Indianer, die ursprünglich im Gebiet des US-Bundesstaates New York siedelten, gestalteten die Skylines moderner amerikanischer Großstädte wesentlich mit. Für die Nachkommen der Irokesen-Krieger bedeutete das Balancieren auf Gerüsten einen Prestigegewinn. „Diese Indianer waren so behände wie Ziegen.

Sie schritten einen Eisenträger hoch in der Luft ab, und es bedeutete für sie nicht mehr, als auf festem Boden zu gehen“, beschrieb ein Beamter im Jahr 1886 die Geschicklichkeit von Mohawk-Arbeitern.

„Auf den Spuren der Irokesen“ zeigt Amerikas Ureinwohner in neuem Licht und weckt Sensibilität für aktuelle Probleme indigener Gruppen, die ihre Gebietsforderungen weiter aufrecht erhalten. Eine Maßstäbe setzende Schau.

Auftritt in Berlin
Die Ausstellung „Auf den Spuren der Irokesen“ , kuratiert von Sylvia S. Kasprycki, zählte schon 70 000 Besucher in Bonn. Bis zum 31. Oktober 2013 ist in Bonn noch die Rekonstruktion eines irokesischen Langhauses auf dem Vorplatz der Bundeskunsthalle zu sehen. In Berlin gastiert die Schau bis zum 6. Januar im Martin-Gropius-Bau, geöffnet mittwochs bis montags.

Johanna Di Blasi

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