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Die Welt als musikalische Schöpfung

Kiel Die Welt als musikalische Schöpfung

Bewegender Abschluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit Haydns Oratorium.

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Roger Norrington dirigierte die NDR-Elbphilharmoniker, die in großer Besetzung antraten und eine ganz ausgezeichnete Leistung boten.

Quelle: Fotos: Axel Nickolaus

Kiel. Abschlusskonzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals in Kiel haben etwas Besonderes an sich. Das hängt vor allem mit der Spielstätte zusammen: der als Ostseehalle in den frühen 1950er Jahren errichtete Mehrzweckbau, der heute Sparkassen-Arena genannt wird. Diese Halle erfüllt ihren Zweck ganz ausgezeichnet, wenn dort Handball gespielt wird oder wenn Tournee-Musicals auftreten. Bei solchen Veranstaltungen fällt die Nicht-Atmosphäre des Gebäudes nicht besonders ins Gewicht, das völlige Fehlen von Ambiente schon gar nicht. Aber wo soll man in Kiel mehr als 3500 Musikbegeisterte zusammenbringen, die Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ hören wollen? Es gibt ganz einfach keinen anderen Ort in Schleswig-Holstein als die Sparkassen-Arena, an dem das möglich ist. Und deshalb gehen die Menschen auch immer wieder hin und nehmen alle Nachteile der Halle in Kauf.

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Bewegender Abschluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit Haydns Oratorium.

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Wer am Sonntag in die Sparkassen-Arena gekommen war, hatte immerhin das große Vergnügen, eine vorzügliche Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ zu erleben. Eine Aufführung, die als einer der Höhepunkte des Festivals 2016 in Erinnerung bleiben wird. Und das 30 Jahre, nachdem Leonard Bernstein am selben Ort dasselbe Werk aufführte.

Die NDR-Elbphilharmoniker spielten unter Leitung eines charismatischen Dirigenten. Roger Norrington ist ein Spezialist für historisch informierte Aufführungspraxis, seine Interpretation von Haydns Oratorium war schlüssig und überzeugend. Norrington ließ das Orchester in großer Besetzung auftreten – Haydn selbst hatte bei der Uraufführung auch 120 Musiker zur Verfügung. Der Festival-Chor stand mit 140 Sängerinnen und Sängern auf der Bühne – bei Haydn waren es nur 60.

Norrington (82), der von einem Drehstuhl aus dirigierte, gelang es, dieses gewaltige musikalische Potenzial mit kleinsten Gesten in der Spur zu halten. Zeitweise hatte es den Anschein, als dirigiere der Brite überhaupt nicht – die Einsätze aber kamen präzise, das Klangbild war so transparent, wie es mit einer solchen Besetzung überhaupt möglich ist. Ob Norrington gut daran tat, den Continuo-Part mit einem Hammerklavier zu versehen, mag dahingestellt bleiben; zu Haydns Zeiten bevorzugte man in Wien immer noch das Cembalo als Continuo-Instrument.

Haydns Oratorium, dessen Libretto sich entfernt an die Genesis-Abschnitte aus John Miltons „Paradise Lost“ anlehnt, besticht durch seine musikalische Vielfalt und durch seine intensiven Klangmalereien. Norrington zelebrierte mit seinem Orchester diese intensiven Passagen des Oratoriums geradezu. Da prasselte der Regen, sangen die Nachtigallen einen süßen Gesang, man meinte sogar, den Duft der besungenen Blumen zu riechen. Das war sehr fein gearbeitet, mit Liebe zum Detail. Und dennoch war die große Linie des Oratoriums immer zu erkennen, der Weg vom Chaos vor der Schöpfung hin zum Aufstieg der Ordnung. Das nennen manche Interpreten das Bewusstsein der Aufklärung, andere nennen es ganz einfach kindlich-fromm. Und sieht man in Haydns Briefen nach, dann stimmt wohl die letztere These. Er habe sich niemals so fromm gefühlt wie beim Komponieren dieses Oratoriums, heißt es dort.

Die Solisten des Abends waren ebenfalls über alle Zweifel erhaben. Bei der stimmgewaltigen Ekaterina Siurina (Gabriel) störte nur die Vokalfärbung, die die Textverständlichkeit vor allem in den Rezitativen beeinträchtigte. Lothar Odinius (Uriel) und Franz-Josef Selig (Raphael) waren ein würdiges und bestens stimmlich fundiertes Erzengel-Paar. Überzeugend auch Florian Boesch als Adam. Einen späten Glanzpunkt aber setzte die junge Anna Lucia Richter als Eva: Neben ihrer Fähigkeit zur Gestaltung und großer stimmlicher Fähigkeit zeigte die Sopranistin eine unglaubliche Bühnenpräsenz – hier wächst ein neuer Star heran, Anna Lucia Richter steht jetzt bereits an der Schwelle zum Ruhm. Das Publikum bejubelte diese Aufführung stürmisch.

Maurice Ravel steht 2017 im Fokus

Der französische Komponist Maurice Ravel (1875-1937) wird im Mittelpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2017 stehen. Dem Schöpfer des weltberühmten Orchesterwerks „Boléro“ werde eine umfassende Retrospektive gewidmet, kündigte Festivalintendant Christian Kuhnt beim traditionellen Abschlussempfang des Festivals auf Gut Schierensee an. Das Festival findet vom 1. Juli bis zum 27. August 2017 statt. „Während einem breiten Publikum beim Namen Ravel reflexartig der ,Boléro‘ einfällt, tut sich bis auf wenige Ausnahmen die Musik von Maurice Ravel auf deutschen Konzertpodien schwer. Wir wollen den Gründen hierfür ebenso nachspüren wie den spannenden und bahnbrechenden Klangkosmos seiner Werke vorstellen“, erklärte Kuhnt.

Wie bei den Komponisten , denen bisher der Schwerpunkt gewidmet war, gibt es auch bei Ravel einen Bezug zu Norddeutschland. 1926 spielte der Franzose, der dreimal in Deutschland war, ein Konzert in Hamburg – im Kleinen Saal der

Laeisz-Halle. Für den Großen Saal war er nicht berühmt genug.

Jürgen Feldhoff

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