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Die Welt dreht sich immer weiter

Lübeck Die Welt dreht sich immer weiter

„Cosí fan tutte“ ist Mozarts letzte Komödie. Und die am schwierigsten zu inszenierende überhaupt.

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Steffen Kubach als Don Alfonso (links) und die anderen Protagonisten in bereits derangierter Kleidung.

Lübeck. Am Ende ist im Text von „heiterer Ruhe“ die Rede. Immer und immer wieder singen die Protagonisten diese Phrase, die Musik wird dabei stets leiser, bis tatsächlich Ruhe herrscht. Heitere Ruhe? Wohl kaum, denn Regisseurin Sandra Leupold zeigt in ihrer Inszenierung von „Cosí fan tutte“ am Schluss sechs verwirrte, auf sich selbst zurückgeworfene Personen. Sechs Verlierer in Unterwäsche, sechs Menschen, nahezu nackt und bloß, nur noch Menschen.

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Andrea Stadel gibt die aufgeweckte Zofe Despina.

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Bevor es zu diesem offenen Ende kommt, fordert die Regisseurin dem Publikum einiges ab. Das beginnt schon vor dem Anfang: Es gibt keinen geschlossenen Vorhang, der Blick fällt direkt in den leeren Bühnenraum mit seinen schwarzen Wänden, an denen technisches Gerät hängt (Bühne: Stefan Heinrichs). An den Wänden dieses Bühnenraums entlang bewegen sich in quälender Langsamkeit Statisten, zu denen sich Choristen und Solisten gesellen. Ein Bewegungs-Raum, besser: ein Zeit-Raum, der der eigentlichen Spielfläche mitten auf der Bühne diametral entgegengesetzt ist. Er symbolisiert den Weltenlauf, der sich unabhängig vom Geschehen im Spiel-Raum immer weiter bewegt. In der Bühnenmitte entfaltet sich indessen die von Don Alfonso angezettelte Intrige um die beiden etwas tumben Soldaten Ferrando und Guglielmo, die auf die Treue ihrer Verlobten Dorabella und Fiordiligi wetten, in Form der Commedia dell‘arte. Da wird gepurzelt und gefallen, die Akteure kriechen auf dem Boden umher: Das ist eigentlich barockes Volkstheater, dazu passen die dem Entstehungsjahr der Oper — 1790 — entsprechenden Kostüme (Jessica Rockstroh). Die Solisten entledigen sich nach und nach ihrer Kleidungsstücke, bis zum Ende dieser Mixtur aus Maskerade und Scharade nur noch die Unterwäsche übrig bleibt.

Dieses Regiekonzept geht auf. Es macht aus dem Zeitstück „Cosí fan tutte“ von 1790 ein Zeitstück von 2016 — trotz der altertümlichen Kostüme und nicht nur wegen der modernen Unterwäsche. Die Kernaussage des Werkes — so machen‘s alle — ist schließlich zeitlos. Und 1790 wie heute gilt: Man darf seinen Partner nicht idealisieren und auf ein hohes Podest heben, das kann nur ins Unglück führen wie bei Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo. Sandra Leupold gelingt es mit ungewöhnlichen Mitteln, diese Fabel über Irrungen und Wirrungen der Liebe auf die Bühne zu bringen. Die Inszenierung ist minimalistisch und dennoch bildstark. Vor allem aber ist sie tief durchdacht und konsequent bis hin zu dem Verzicht auf Kürzungen.

Musikalisch begann der Abend eher wenig überzeugend. Gastdirigent Felix Krieger hatte im ersten Akt Probleme, seinen Mozart-Ton zu finden; viel zu grobschlächtig und manchmal sogar ruppig, vor allem aber wenig differenziert klang das Orchester. Das änderte sich im zweiten Akt, hier zeigten die Lübecker Philharmoniker und ihr Dirigent, dass sie auch ein wunderbares Piano spielen können.

Hier hatte sich Krieger dann auf die akustischen Tücken der offenen Bühne eingestellt, auf der die Sänger häufig weit hinten platziert und deshalb schlecht zu hören waren.

Im musikalisch holprigen ersten Akt sangen vor allem Daniel Jenz (Ferrando) und Andrea Stadel (Despina) unter ihren Möglichkeiten. Das mag an der unsensiblen Begleitung durch Felix Krieger gelegen haben — im zweiten Akt liefen die beiden zu großer Form auf. Andrea Stadel wusste sängerisch und darstellerisch in ihrer Verkleidung als Notar zu überzeugen, Daniel Jenz gelang ein wunderbares Duett mit Fiordiligi, die Erica Etoff mit stimmlicher Wandlungsfähigkeit und weiblich-warmen Timbre sang. Erica Etoff kann schauspielerisch sicher noch zulegen, stimmlich bot sie einen hinreißenden Hochglanz-Mozart. Ebenso Wioletta Hebrowska, deren samtene Stimme sich wunderbar mit der von Erica Etoff mischte. Johan Hyunbong Choi war von der ersten Minute an mit seinem voluminösen Bariton als Guglielmo präsent — eine beeindruckende Leistung. Und Steffen Kubach als Don Alfonso beeindruckte wie immer.

Am Ende gab es viel Applaus für Sängerinnen und Sänger. Für das Regie-Team hielten sich Bravos und Buhs die Waage — über diese Inszenierung kann man diskutieren.

Nächste Aufführungen: 30. Januar und 13. Februar.

Wechselvolle Wirkungsgeschichte
„Cosí fan Tutte“ hat es unter den großen Mozart-Opern am schwersten gehabt, die Rezeptionsgeschichte des Werkes ist ausgesprochen kompliziert. Mit dem Tode von Kaiser Joseph II.
endete die erste Aufführungsserie in Wien. Die Oper hatte zwar durchaus Erfolg gehabt, kam aber bei der Wiederaufnahme nicht recht in Schwung uns erlebte nur noch fünf weitere Aufführungen.



Übernommen wurde „Cosí fan tutte“ von vielen anderen Opernhäusern im Deutschen Reich (wofür Mozart allerdings keinen einzigen Gulden bekam), aber es deutete sich schon bald an, dass die Oper kein Erfolg bei Publikum oder Kritik werden würde. Ein Vorwurf vor allem erschwerte die Rezeption: Das Libretto von „Cosí fan tutte“ sei zu frivol, an den Haaren herbeigezogen und schlicht blödsinnig.



Dieses Vorurteil hielt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und noch länger, bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde „Cosí“ in dieser Art geschmäht. Dirigenten und Komponisten wie Richard Strauss und Gustav Mahler allerdings haben sich um die Wiederherstellung der originalen Form der Oper verdient gemacht. Ihnen ist zu verdanken, dass „Cosí fan tutte“ heute wieder in aller Schönheit und Intelligenz zu erleben ist.
„Opern wie ,Don Juan‘ oder ,Cosí fan tutte‘ konnte ich nicht komponieren. Dagegen habe ich einen Widerwillen.“
Ludwig van Beethoven

Jürgen Feldhoff

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