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„Die Worte sind die wahren Waffen“

Lübeck „Die Worte sind die wahren Waffen“

Der in Berlin lebende Regisseur Marco Štorman inszeniert „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki am Theater Lübeck.

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Marco Štorman, 1980 in Hamburg geboren.

Lübeck. Gesellschaften wie diese findet man in jedem modernen Gemeinwesen: Da gibt es Akademiker mit Hang zu sozialem Engagement, aber ohne soziale Energie, Künstler, die von der Kunst vor allem reden, Verheiratete, die Erotik außerhalb der Ehe suchen. Alle eint eine lauernde Depression und die Angst, Privilegien zu verlieren.

Der Schriftsteller Maxim Gorki (1868-1936) hat diese Ansammlung im vorrevolutionären Russland des Jahres 1905 gefunden und in seinem Stück „Kinder der Sonne“ vorgestellt. Bei ihm fühlt sich das städtische Bürgertum bedroht von aufsässigen Proleten, die an Hunger, Rechtlosigkeit und Cholera leiden. Wer das Stück heute auf die Bühne bringt und es im Heute halten will, findet andere Gefährdungen.

Marco Štorman, der zuletzt „Der große Gatsby“nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald am Theater Lübeck inszeniert hat, will die Geschichte „sehr stringent, aber zugespitzt“ erzählen. „Das Spannende an ,Kinder der Sonne‘ ist, dass sich private Liebes- und Leidensgeschichten mischen mit der Furcht vor einer Bedrohung von außen“, sagt er. In der gutbürgerlichen Gesellschaft, die sich in seiner Version in einem Pavillon mit angeschlossener Sauna trifft, solle sich durchaus das Theaterpublikum wiedererkennen können. Und welchen aktuellen Anfechtungen ist es ausgesetzt? Für manche sind es Flüchtlinge, für andere sind es Krankheiten, einige sehen sich an der Kante zum sozialen Niedergang.

Die Hauptfigur, bei Gorki ein Chemiker namens Protassow, ist bei Štorman eher ein Soziologe, der beobachtet, was da um ihn herum passiert. Doch die Leiden der Ehefrau an seiner Unverbindlichkeit will er nicht wahrnehmen.

„Um die Wohlstandsgesellschaft lassen wir eine Figur kreisen, die bedrohlich näher kommt“, verrät Štorman. Er hat sie aus einer Reihe von Randfiguren zusammengesetzt, die bei Gorki die Hauptpersonen bedrängen. „Ich fände es zu plump, 100 Migranten auf die Bühne zu stellen, die das Fremde darstellen sollen“, sagt der Regisseur. Doch dass Menschen, die Materielles zu verlieren haben, sich einzäunen, sich abgrenzen — das will er dezent ansprechen.

Muss man den Stoff überhaupt auf die Gegenwart beziehen? „Nein“, wendet Štorman entschieden ein. Das Stück stehe nicht wegen seiner Aktualität, sondern wegen seiner sprachlichen Qualität auf dem Spielplan. „Alle Spannung ergibt sich aus der Sprache Gorkis.“ Die Arbeit mit dem Ensemble sei bestimmt gewesen von der Auseinandersetzung mit dem Text, der das Zeug zum Klassiker habe. „Ich habe darauf geachtet, dass die Schauspieler Gorkis Sprache zu der ihren machen.“ Wichtiger als die Darstellung, wer wen küsse, sei, wer da wen mit Worten angreife. „Die Worte sind die wahren Waffen unter diesen Leuten.“

Premiere: Freitag. 1. April, 20 Uhr, Kammerspiele des Theaters Lübeck.

Von mib

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