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18:19 14.03.2018

Sie werden ihn so oder so umbringen, geht es ihm in diesen Frühlingswochen 1996 immer und immer wieder durch den Kopf, während der Vater verzweifelte Briefe aus seinem Verlies schickt, zwei vereinbarte Geldübergaben scheitern, Freunde als Helfer entnervt das Handtuch werfen und die Kidnapper mit der Verstümmelung ihres Gefangenen drohen.

München/Hamburg. Johann Scheerer war 13 Jahre alt, als sein Vater, der Hamburger Multimillionär Jan Philipp Reemtsma, entführt wurde. Nach mehr als zwei Jahrzehnten hat er die Erlebnisse aus seiner Sicht jetzt aufgeschrieben – schnörkellos und ohne Schielen auf voyeuristische Neugier.

Die Entführung

Am 25. März 1996 wird Jan Philipp Reemtsma vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese entführt. Nach Zahlung von 30 Millionen Mark wird er knapp vier Wochen später wieder freigelassen. Die Entführer werden später gefasst und verurteilt.

Die Entführung des Literatur- und Sozialwissenschaftlers Reemtsma, steinreich durch Verkauf seines Erbes aus der größten deutschen Tabakdynastie, war eines der spektakulärsten Verbrechen der bundesdeutschen Geschichte. Der Bericht des Sohnes, heute Betreiber des Hamburger Musikstudios Clouds Hill und selbst Vater, präsentiert sich als „Roman“. Nirgendwo aber scheint er angereichert mit Fiktion. Trotzdem lesen sich die 230 Seiten spannend wie ein guter Roman mit hoher psychologischer Dichte und hochinteressanten Figuren.

Scheerer ist auch nach 22 Jahren mühelos in der Lage, das Ungeheuerliche jener Wochen nachzuerzählen.

Er hat eindrückliche Geschichten parat vom „Leben als Kind mit meinem Vater, der in einem Buch verschwand, sobald sich die Gelegenheit bot“. Der väterliche Bücherwurm, im Alltag recht distanziert, war für Johann auch in Fahrstühlen schwer erreichbar, weil er für diese Fälle stets ein kleines gelbes Reclambändchen parat hatte. Angekettet in seinem Kellerversteck nun schrieb Reemtsma viel von seiner Liebe und schlug dem Sohn im verzweifelten Bemühen um Nähe vor, sich ein Buch vorzunehmen, über das er selbst auch verfügte: „Wir beide nehmen uns jeden Tag um 17 h die ,Chronik des 20. Jahrhunderts’ vor und sehen nach, was von 1900 bis 1995 an diesem Tag (Datum) passiert ist. Das machen wir dann gleichzeitig.“

Die Liebesbekundungen fand der Sohn befremdlich, und über die „Chronik“ notiert er, er habe wohl nie oder „vielleicht einmal halbherzig“ hineingeschaut. Schuldgefühle plagten ihn auch noch Jahre später, weil sein Inneres die briefliche Bitte des wohl todgeweihten Vaters, er möge ein bestimmtes Lied der Band „Die Ärzte“ für ihn spielen, unerbittlich zurückwies: „Die Musik der Ärzte zu hören gab mir eine Vorstellung davon, wie es sein musste, ein eigenes Leben zu haben.“

Dieser intime Einblick in die höchst private Seite der im Großen extrem öffentlich gewordenen Entführungsgeschichte ist weder Mitleid heischend noch Coming-Of-Age-Geschichte auf Kosten des Vater.

„Das einzige Mittel gegen ungewollte Intimität ist Veröffentlichung“, hatte Reemtsma selbst sein kleines Buch „Im Keller“ über das eigene Erlebnis begründet, das schon ein Jahr nach

seiner Befreiung herauskam. Um Distanz zu schaffen, erzählte er teilweise in der dritten Person, so auch von der ultimativen inneren Demütigung mit seinem Wunsch, dass ausgerechnet „der Entführer ihn trösten (solle), ihn berühren, die Hand auf seine Schultern legen“.

Der Sohn will sich mit seiner Version der Erlebnisse von vielen Jahren des Schweigens auch in der eigenen Familie „freischreiben“. Ob ihm das gelingt, kann nur Scheerer selbst entscheiden.

Johann Scheerer: „Wir sind dann wohl die Angehörigen, Die Geschichte einer Entführung“, Piper Verlag, 20 Euro, ISBN 978-3-492-05909-1

Thomas Borchert

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