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Die andere Sicht auf Maria und Jesus

Lübeck Die andere Sicht auf Maria und Jesus

Auch im Islam gehört die unbefleckte Empfängnis zu den Glaubensinhalten — Jesus gilt als bedeutender und letzter Prophet vor Mohammed, aber nicht als Gottes Sohn.

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Diese persische Miniatur aus dem 17. Jahrhundert zeigt Maryam (Maria) mit ihrem Sohn Isa (Jesus), dessen Kopf als Zeichen der Erwähltheit von einer Flammen-Gloriole umgeben ist.

Quelle: AKG

Lübeck. Im Religionsunterricht an deutschen Schulen kommt es immer wieder vor, dass muslimische Eltern sich darüber beschweren, dass sich ihre Kinder mit Jesus und seiner Mutter Maria beschäftigen sollen — das sei mit dem Koran nicht vereinbar. Diese Beschwerden zeugen vor allem davon, dass diese Eltern ihre eigene Religion nicht gut genug kennen. Im Koran wird Jesus als letzter Prophet vor Mohammed verehrt, die Geschichte der unbefleckten Empfängnis Marias gibt es im Koran wie in der Bibel.

Warum das so ist, wird von modernen Islamwissenschaftlern ganz einfach beantwortet. Zur Zeit Mohammeds, im 7. Jahrhundert, war die arabische Heimat des Propheten ein Tummelplatz der Kulte und Religionen. Juden und Christen lebten dort ebenso wie die Anhänger der alten arabischen Götter, deren Statuen Mohammed nach seinem siegreichen Einzug in Mekka aus der Kaaba entfernen ließ. Insofern, so die Wissenschaft, sei es nicht verwunderlich, dass der Islam alle möglichen Einflüsse aufgenommen und in seinem Sinne weiterentwickelt habe — eben auch die christliche Überlieferung von Maria und ihrem Sohn Jesus.

Wissenschaft

kontra Glauben

Nimmt man diese wissenschaftliche Erklärung ernst, dann gerät man allerdings in einen gewissen Konflikt mit der islamischen Tradition. Den Islam als synkretistische, also aus vielen Versatzstücken zusammengesetzte Religion zu betrachten, widerspricht der zentralen islamischen Glaubenslehre, nach der Mohammed als letzter aller Propheten seine Offenbarungen, die im Koran zusammengefasst sind, einzig vom Erzengel Gabriel erhalten hat. Da Mohammed höchstwahrscheinlich nicht lesen und schreiben konnte, wurden ihm die Koran-Verse vom offenbarenden Engel ins Herz geschrieben, Mohammed zitierte sie dann; erst später wurden die Texte niedergeschrieben und in einem Kodex zusammengefasst. Es steht also, wie so oft, wenn es um das Thema Religion geht, wissenschaftliche Erkenntnis gegen Glauben.

Maria, im Arabischen Maryam genannt, ist im Koran die 19. Sure gewidmet. In ihr wird das Leben der Jesus-Mutter beschrieben, ihre Wundermacht, die Verkündigung ihrer Schwangerschaft trotz Jungfräulichkeit und schließlich die Geburt ihres Sohnes. Diese Beschreibungen ähneln stark einer christlichen Quelle, die wohl kurz vor dem Jahr 150 n. Chr. entstanden ist: dem Protoevangelium des Jakobus.

Dieses beschäftigt sich im Gegensatz zu den vier kanonisierten Evangelien nicht mit dem Leben Jesu, sondern mit dem Leben Marias. Dieses „Marienleben“ war in fast allen christlichen Gemeinden ab Mitte des 2. Jahrhunderts bekannt und beliebt. Beliebt wohl vor allem, weil es eine „Marktlücke“ abdeckte: Viele Gläubige wollten mehr über die Mutter des Heilandes wissen — das Jakobus-Evangelium lieferte diese Informationen.

Kannte Mohammed diesen Text? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, denn auch in den christlichen Gemeinden von Mekka und Medina kursierte das Jakobus-Evangelium aller Wahrscheinlichkeit nach. Mohammed erkannte Judentum und Christentum ja auch zunächst als „Schriftbesitzer“ an, die über ihre eigenen Prophezeiungen verfügten. Erst als Juden und Christen nicht freiwillig zum Islam konvertierten, wurde Mohammeds Ton ihnen gegenüber schärfer. Er bezeichnete Juden und Christen zwar weiter als „Schriftbesitzer“, fügte aber hinzu, dass sie den Inhalt ihrer Schriften verfälscht hätten. Nur seine, Mohammeds, Auslegung sei richtig.

Die reinste

aller Frauen

Aber zurück zu Maria und Jesus. Im Islam gilt Maria-Maryam als reinste und außergewöhnlichste aller Frauen, ihr Sohn Jesus-Isa als Prophet. Der entscheidende Unterschied zur christlichen Sicht auf Maria und Jesus ist aber, dass sie niemals im Koran als Mutter Gottes bezeichnet wird. Jesus ist zwar ein besonderer Mensch und Prophet, aber doch nur ein Mensch. Der Islam ist streng monotheistisch, so etwas wie eine heilige Dreieinigkeit ist aus islamischer Sicht undenkbar.

Gott-Allah hat es nicht nötig, Mensch zu werden und für die Sünden der Menschheit ein Martyrium auf sich zu nehmen. All die göttlichen Eigenschaften, die im Christentum Maria und Jesus zugesprochen werden, stehen im Islam einzig Gott-Allah allein zu.

Gemeinsame Quellen, verschiedene Auslegungen: Vieles im Christentum stammt aus dem weitaus älteren Judentum, was sich selbst aus den verschiedensten Kulten des Mittleren und Nahen Ostens sowie Ägyptens entwickelt hat. Der Islam basiert auf diesen älteren Religionen ebenso wie auf dem polytheistischen arabischen Kulten: Arabien und die umliegende Regionen waren ein religiöser Schmelztiegel.

Begründer einer Lehre
Mohammed (geboren zwischen 570 und 573 in Mekka, gestorben 632 in Medina) ist der Begründer der islamischen Religion. Im Islam gilt er als Prophet, dem das Wort Gottes offenbart wurde. Mohammed stammte aus dem Stamm der Quraisch und verlor früh seine Eltern.
Durch die Heirat mit einer älteren Kaufmannswitwe wurde er wohlhabend. Im Laufe von 20 Jahren wurden ihm die Offenbarungen zuteil, auf denen er seine Religion aufbaute. Vor Verfolgungen musste er nach Medina fliehen, 630 eroberte er Mekka. Der Islam entwickelte sich rasch zur dominierenden Religion der Region und expandierte in immer schnellerem Tempo.

Jürgen Feldhoff

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