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Die besondere Zeit zwischen den Jahren

Graus oder Segen? Die besondere Zeit zwischen den Jahren

Noch steht die Tanne, die Silvesterfeier ist schon geplant: Das Zeitfenster zwischen Weihnachten und Neujahr hat einen speziellen Zauber — und weckt Ängste.

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"Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben schon manchen um die Besinnung gebracht.“ Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Quelle: Fotolia

Na, schön ausgeschlafen? Ausgiebig gefrühstückt und jetzt in Ruhe die Zeitung lesen? Wer Urlaub hat in dieser Woche, kann sich entspannt aufs Sofa legen, in den neuen Büchern schmökern, CDs hören, Spiele ausprobieren — oder den Urlaub an der Ostsee genießen. Tief ausatmen, Plätzchen essen, auf Glühweintemperaturen warten. Aber auch im Büro lässt sich die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr gut aushalten. Schön leer waren die Straßen auf dem Weg zur Arbeit heute morgen. Kein Telefon klingelt im Büro, ein Kollege hat Schokolade mitgebracht, die Stimmung ist, sagen wir, entspannt. Ausgenommen sicherlich bei jenen Diensthabenden, die jetzt hinterm Ladentisch stehen und Umtauscher und Gutscheineinlöser bedienen.

„Zwischen den Jahren“ nennt man diese Tage, ein schöner altmodischer Ausdruck für eine Zeit zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Sie dauerte ursprünglich vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Und wer hat sie erfunden? Die Kirche.

Weil nämlich nirgends geschrieben steht, an welchem Tage genau das Jesuskind das Licht der Welt erblickte, feierten Christen die Taufe Jesu am 6. Januar als Erscheinung des Herrn und Beginn eines neuen Jahres. Mitte des vierten Jahrhunderts verlegte die Kirche die Entbindung auf den 25. Dezember. Damit wollte man auch den Heiden eins auswischen, die um dieses Datum herum die Wintersonnenwende feierten. Ein Fest, das nun von den Christen okkupiert wurde — und gleichzeitig auch als Beginn des neuen Jahres galt. Im Mittelalter wechselte die Kirche den Neujahrstermin mehrmals, bis ihn Papst Innozenz XII. im Jahr 1691 auf den 1. Januar festlegte.

In protestantischen Gegenden und einigen katholischen Bistümern blieb man allerdings noch bei der alten Zeitrechnung — und das Loch im Kalender nannte man „zwischen den Jahren“.

Ein Zeitfenster, das heute zum kollektiven Durchatmen genutzt wird, in dem Nichtstun gesellschaftsfähig ist. Für viele Menschen ein Segen — für nicht wenige ein Graus. Wer einsam ist, seinen Partner verloren hat, andere Schicksalsschläge erlitt, erlebt die Stille und Betulichkeit ringsum eher angstvoll. Wenn die tägliche Struktur wegfällt, das Vereinsleben ruht, Bekannte bei ihren Familien sind, lastet Alleinsein doppelt schwer auf dem Gemüt. So war das „NDR 1 Weihnachtstelefon“, eine Kummernummer wie die Telefonseelsorge, auch in diesem Jahr im Norden wieder ein gefragtes Angebot. Die Helfer hätten dabei vor allem längere Telefonate geführt, bis zu einer halben Stunde statt nur zehn Minuten. Das habe es in dieser Form in den vergangenen Jahren nicht gegeben, berichten die Seelsorger. Oft hätten sich die Gespräche um zerrüttete Familienverhältnisse und Einsamkeit gedreht. Aber auch finanzielle Sorgen, Alkoholprobleme und Trauer um verstorbene Angehörige seien Themen gewesen.

Zwischen den Jahren ist auch die Zeit, Inventur zu machen. Firmen schließen in dieser Woche, um Soll und Haben zu ermitteln. Auch wir ziehen Bilanz. Das Jahr 2015, im Großen und Ganzen gesehen, hatte wenig Glanz, da ist man sich weithin einig. Die private Inventur fällt für jeden anders aus. Gut, wenn keine Rechnungen offen sind. Dann Strich drunter und auf ein Neues.

Die Tage des Wartens auf das nächste Jahr werden gern auch belastet mit einer Glückshypothek. So viele Wünsche, Hoffnungen und Vorsätze. Wir wollen viel mehr (Sport machen, Zeit mit der Familie verbringen, auf eigene Bedürfnisse achten, Gutes tun) und viel weniger (essen, rauchen, trinken, fernsehen, Termine machen). Und man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass Mitte Januar alles sein wird wie immer. Dass die kommenden zwölf Monate Höhen und Tiefen im Angebot haben und dass wir am Ende ein Jahr älter sein werden. Hoffentlich.

Was den Unterschied macht zwischen Glück und Unglück, ist auch die Haltung zu den Dingen. Ob wir Spielraum haben und wie wir ihn nutzen. In diesem Sinne noch eine schöne Zeit zwischen den Jahren, und ein gutes 2016!

Petra Haase

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