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Kultur im Norden Die ganze Welt in einem U-Bahn-Waggon
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22:59 02.10.2015
Das Mädchen (im Blümchenkleid) und ihre neuen Freunde: Bambi (l.) und Maria (r.) Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Der Weg zur großen Liebe ist steinig: Im Musical „Linie 1“ macht sich ein Mädchen auf nach Berlin, um Johnnie wiederzufinden, einen Sänger, den es nach kurzen Momenten der Leidenschaft für seinen Märchenprinzen hält. Mit der U-Bahn-Linie 1 irrt das Mädchen durch die Stadt, begegnet Wohnungslosen, Arbeitslosen, Geistlosen, Hoffnungslosen. Das Berlin-Musical „Linie 1“, ein Erfolg auf deutschen Bühnen, ist erstmals im Figurentheater zu sehen.

Handlungsort ist West-Berlin Mitte der 1980er Jahre. Wuchtige graue Mauerfragmente links und rechts auf der Bühne machen klar: Berlin ist noch eine geteilte Stadt. Gerüste auf Rollen und flexible Treppenelemente versetzen das Geschehen mal in einen U-Bahn- Waggon, mal in eine Station. Die ganze Welt hat sich hier versammelt, Alltägliches und Dramatisches spielt sich ab. Obdachlose zanken um den Rest in einer Flasche Schnaps, vier gutsituierte alte Frauen trauern der guten alten Zeit nach — auch der Nazi-Zeit, denn es sei nicht alles schlecht gewesen. Ein seltsamer Typ im Humphrey- Bogart-Look taucht immer wieder auf. Es gibt einen Suizid.

Auch um Armut, Arbeitslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit geht es — das Musical von Volker Ludwig und Birger Heymann, 1986 am Berliner Grips-Theater uraufgeführt, hat nicht an Aktualität eingebüßt.

41 Figuren tragen durch die Handlung, und mit den Spielern Franziska Technau, Silke Technau und Stephan Schlafke kommen drei weitere hinzu. Sie führen nicht nur die Puppen, sondern machen auch mit, zum Beispiel als zeitungslesende Fahrgäste. In schneller Folge erlebt das Publikum anrührende wie aufregende Szenen, präsentiert mit Spielfreude und Witz. U-Bahn- Geräusche und Durchsagen kommen vom Band, das Schaukeln der Waggons, das die Fahrgäste in Bewegung bringt, ist echt.

Mitreißend auch die Songs, die die Spieler mit Hingabe singen. Szenenapplaus gab es bei der Premiere für das von Silke Technau mit tiefer kratziger Stimme vorgetragene „Tag, ich hasse dich“ der beruflich erfolgreichen, aber tief unglücklichen Immobilienverkäuferin, den Song „Leben ist Hoffen“ oder den ergreifenden Titel, in dem die glücklose Maria („voll Pickel, zu schwitzig, zu fett und zu klein“) das an Liebeskummer leidende Mädchen tröstet: „Bald wirst du wieder stolz und glücklich sein, denn du bist schön, sogar schön, wenn du weinst.“

Schon die von Antje Hohmuth und Denise Sheila Puri hinreißend gestalteten Puppen sind einen Besuch wert. Sie tragen Sachen, die aus Klamotten der 1980er Jahre geschneidert sind, das Blümchenkleid des Mädchens ebenso wie die Lederjacke von Bambi, dem Punk.

Die Liebesgeschichte geht nicht gut aus, der vermeintliche Märchenprinz entpuppt sich als Frosch. Johnnies Auftritt im Angeber- Look — die Ärmel so aufgebläht wie sein Ich, einen schmierigen Schlager jaulend — gehört zu den schönsten von vielen schönen Szenen. Ein Happy End gibt es aber doch. Denn das Mädchen findet neue Freunde — das Beste, was es gibt auf der Welt. Regisseur Holger Brüns ist eine Inszenierung gelungen, die voller Witz ist und die Trost gibt in einer trostlosen Welt. Das Publikum spendete langen Applaus.

Weitere Vorstellungen: heute 19.30 Uhr, morgen 18 Uhr, Figurentheater Lübeck, Kolk 20-22.

„Leben ist hoffen bis zum letzten Augenblick. Hoffen auf Liebe auf ein kleines bisschen Glück.“


Aus dem Song „Leben ist hoffen“

Liliane Jolitz

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