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Kultur im Norden Die ganze Welt in einer Stadt
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19:12 01.06.2016

An dem Sujet sind viele Autoren gescheitert, vor und nach John Dos Passos. New York zum Objekt von Literatur zu machen, ist außerordentlich schwierig. Dos Passos ist es gelungen, sein 1925 erschienener Roman hat Literaturgeschichte gemacht. Ohne „Manhattan Transfer“ gäbe es zum Beispiel Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ wohl nicht. Döblin hat sich an Stil und Form des Amerikaners orientiert, die Mischung aus Fakten wie Pressetexten und Fiktion ähnelt sich in beiden Romanen. Aber „Manhattan Transfer“ war der erste.

„Manhattan Transfer“ von John Dos Passos, neu übersetzt von Dirk van Gunsteren: Rowohlt Verlag.

544 Seiten. 24,95 Euro.

Dieser Roman ist jetzt in einer wunderbaren neuen Übersetzung von Dirk van Gunsteren erschienen – ein großer Wurf. Denn van Gunsteren gelingt es nahezu perfekt, die stilistische und poetische Vielschichtigkeit von Dos Passos zu übertragen, mehr noch: sie erlebbar zu machen.

Der Übersetzer scheitert auch nicht am größten Problem, das ihm dieser Roman bietet. Die Stadt New York wird auf verschiedenen Ebenen beschrieben. Mal konventionell als Schmelztiegel, als rasende Großstadt oder als Ort des Scheiterns vieler Menschen. Immer mehr aber nimmt im Laufe der mehr als 500 Seiten New York den Charakter eines Lebewesens an. Eines bösartigen, gemeinen und hinterhältigen Lebewesens, genauer gesagt. Die Stadt lebt, und sie ist weder ihren Bewohnern noch ihren Besuchern wohlgesonnen.

Die neue Übersetzung macht diese perspektivische Veränderung mit, die man bislang nur im Original nachvollziehen konnte. Allein das ist eine große Leistung von Dirk van Gunsteren. Vom Slang der finsteren Ecken von New York bis zu inneren Monologen geht die sprachliche Reise durch die Stadtlandschaft, die in gewissem Sinne die ganze Welt in sich vereint. Aber alle Welt – und das heißt in diesem Fall: alle Menschen – sind der Macht des Stadt-Wesens nicht gewachsen. Das Personal des Romans schafft es nicht, sich selbst zu verwirklichen oder auch nur, sich selbst treu zu bleiben. Die Schicksale der Hauptfiguren sind letztlich belanglos. Das ist in New York so wie in jeder Großstadt. Und vielleicht bald überall auf dieser Welt. Jürgen Feldhoff

LN

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