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Die große kleine Sängerin

Paris Die große kleine Sängerin

Sie kam aus der Gosse und wurde die bedeutendste französische Chanson-Interpretin ihrer Zeit: Heute wäre Edith Piaf 100 Jahre alt geworden.

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Wurde am 19. Dezember 1915 in Paris geboren: Edith Piaf

Quelle: imago

Paris. Sie stammte aus Belleville, jenem Arbeiterviertel im Nordosten von Paris, in das sich kaum jemals ein Tourist verirrt. In den Straßen dieses Quartiers der armen Leute kämpfte die Kommune von Paris um ihre letzten Barrikaden, hier fand der Aufstand sein Ende.

Auf den Stufen des Hauses Rue de Belleville 72 wurde Edith Piaf vor 100 Jahren geboren. 1915, wenige Jahrzehnte nach der ersten Diktatur des Proletariats — eben der Pariser Kommune — und mitten im Ersten Weltkrieg.

Piafs Mutter war eine Kaffeehaus-Sängerin, halb Italienerin, halb Berberin. Zwei Jahre nach Geburt der Tochter verschwand die Mutter, in Obhut der Großmutter verhungerte das Kind beinahe. Schließlich brachte der Vater von Edith Piaf, ein Artist und Schlangenmensch, sie bei seiner Mutter unter, die ein Bordell in der Normandie betrieb. Das war das Milieu, in dem eine der größten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts heranwuchs. Geprägt von Gewalt, Alkohol, Drogen und Verbrechen.

Als sie zehn Jahre alt war, musste die kleine Edith ihren Vater bei dessen Reisen mit einem Wanderzirkus begleiten. Auf der Straße lernte sie ihr Handwerk als Straßensängerin, wenn sie nicht parierte, wurde sie von ihrem Vater, der Alkoholiker war, verprügelt. Mit 15 ging Edith nach Paris, blieb allerdings dem Milieu verbunden, aus dem sie stammte. Ihr erster Arbeitgeber, ein Kabarett-Besitzer namens Leplée, wurde ermordet, die Polizei verdächtigte zunächst die nur 1,47 Meter große Sängerin als Täterin. Schließlich wurde sie entlastet und brachte mit 17 eine Tochter zur Welt, die nur zwei Jahre später starb.

Erst Ende der 1930er Jahre gelang es Edith Piaf, sich aus dem kriminellen Milieu ihrer Jugend zu lösen. Endlich hatte sie die richtigen Berater und die richtigen Komponisten an der Hand, die die zu ihrer besonderen Stimme passenden Chansons schreiben konnten. Eine Stimme, die nicht unbedingt schön, aber einprägsam war, mit sehr kleinem Vibrato und einer Eindringlichkeit, die sie unvergesslich machte. Die Piaf machte Karriere, nicht nur in Frankreich, sie sang auch in Deutschland für französische Kriegsgefangene. Da sie andererseits auch für die Résistance tätig war, entkam sie nach Kriegsende Sanktionen.

Das späte Leben von Edith Piaf war geprägt durch Erfolge in aller Welt, durch Hits wie „Milord“ oder „Je ne regrette rien“. Und durch immer neue persönliche Schicksalsschläge, Alkohol, Morphium und immer neue Affären. Sie verdiente viel Geld, aber verlor ihren Lebensgefährten Marcel Cerdan, einen Boxer, bei einem Flugzeugabsturz. Mit ihrem jungen Geliebten Georges Moustaki hatte sie einen Autounfall, bei dem sie schwer verletzt wurde — ihre Morphiumabhängigkeit stammt aus jener Zeit. In Stockholm brach sie 1959 bei einem Konzert zusammen — es wurde eine unheilbare Krebserkrankung diagnostiziert. Dennoch ging Edith Piaf weiter auf Tournee, immer begleitet von einer Pflegerin, die ihr Morphium injizierte.

Für ihren letzten Skandal sorgte die Sängerin, als sie 1962 den 20 Jahre jüngeren Musiker Théo Saparo heiratete. Mit ihm verbrachte sie ihre letzten Monate, sie starb 1963.

Nach ihrem eigenen Durchbruch als Sängerin förderte Edith Piaf stets auch junge Talente. Unter anderem Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Eddie Constantine und Yves Montand hatten ihr viel zu verdanken, dieser großen, kleinen Künstlerin. Die aus der Gosse kam und in den Himmel des Olympia aufstieg, die alle Höhen und Tiefen durchlebte, die man sich vorstellen kann. „Göre von Paris“ und „Spatz von Paris“ hat man sie genannt — und in einer anderen Stadt auf dieser großen Welt hätte sich ein solches Talent nicht entwickeln können. Die Piaf war Paris, und Paris lag ihr zu Füßen — wie der Rest der Welt.

VIER FRAGEN AN...

1 Sie standen viele Male als Edith Piaf auf der Bühne. Welche Gemeinsamkeiten haben Sie mit ihr? Auch ich suche eine tiefe, absolute Wahrheit in der Musik. Wie Edith Piaf versuche ich, keine Kompromisse einzugehen. Sie hatte ja nichts zu verlieren. Kompromisslosigkeit ist allerdings heute schwer zu verwirklichen, am ehesten noch in der Kunst und Musik.
2 In der Vorbereitung auf Ihre Rolle haben Sie sich lange mit Edith Piaf beschäftigt. Was waren die herausragenden Eigenschaften der Französin? Sie war rigoros. Diese Frau schaute nicht nach links und rechts, sie lebte nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie glaubte bedingungslos an die Liebe und an die Lieder.
Deshalb wurde sie geliebt und gehasst.
3 Morgen wäre Edith Piaf 100 geworden. Was macht sie unvergessen? Ihre Musik macht sie auch heute noch populär — diese ganz spezielle Art zu singen. Niemand hat die Konsonanten so im Mund zermalmt, sie hatte eine Urkraft, wenn sie auf der Bühne stand. Aber auch ihre Person und ihr Leben sind nach wie vor faszinierend. Man hörte bei jedem Ton, dass sie von der Straße kam.
4 Welches ist Ihr Lieblingslied der Edith Piaf? Das kann ich überhaupt nicht sagen. Man verliebt sich in jedes einzelne Chanson, selbst in die kitschigsten Stücke der Piaf kann man sich verlieben.
Vasiliki Roussi (46) wird Anfang des kommenden Jahres noch einmal mit einem Piaf-Programm am Theater Lübeck zu sehen sein.

Jürgen Feldhoff

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