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Die letzten Jahre des Walter Jens

Lübeck Die letzten Jahre des Walter Jens

Walter Jens steht in seinem Wohnzimmer und ruft „Ich will hier weg, ich will nach Hause!“.

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Inge und Walter Jens auf der Frankfurter Buchmesse.

Lübeck. Walter Jens steht in seinem Wohnzimmer und ruft „Ich will hier weg, ich will nach Hause!“. Die Szene gehört zu den „gespenstischen Dingen“, die seine Frau Inge Jens in den letzten Lebensjahren ihres Mannes erlebt, erleidet und mutig bis an die Grenzen der Selbstaufgabe erträgt. „Ich habe oft mit mir gerungen, ob es nicht Zeit wäre, ihm das Recht auf Sterbehilfe endlich zu gewähren. Ich habe es nicht geschafft.“

Inge Jens (89) berichtet in ihrem „vermutlich letzten Buch“, wie sie selbst betont, über das „Langsame Entschwinden“ ihres Mannes Walter Jens und damit auch „Vom Leben mit einem Demenzkranken“, wie der Untertitel des Buches lautet. Wie er heißt, wo er wohnt, ob Sommer oder Winter ist — das weiß Walter Jens schon lange nicht mehr. Dem einstmals wortmächtigen Rhetoriker und „Stimmführer“ der Republik sind „die wichtigsten Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Reden, auch Fernsehen oder Musikhören verlorengegangen“.

Es begann damit, dass er beim angeblichen Lesen in seinem vertrauten Sessel das Buch verkehrt herum hielt. Seine Frau ist überzeugt, dass ihr Mann, der früher auch unter Depressionen litt, genau registriert hat, wie ihm alles entglitt. „Ich sah, wie mein Mann langsam ein anderer wurde.“ Und nicht nur das. Ihr eigener Mann begann, um sich zu schlagen. „Zunächst mit Worten, später dann de facto.“ Dennoch kämpft Inge Jens um die letzte Würde ihres schwer kranken Mannes und gerät dabei an die Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit als Frau von über 80 Jahren. Der Zustand ihres Mannes sei „kaum vorstellbar“, schreibt Inge Jens. Ja, ihr Mann habe nie so leben wollen, wie er jetzt lebte. Aber: „Ich glaube nicht, dass er sterben möchte. Es geschieht nichts, was das Leben künstlich verlängern könnte, aber es zu verkürzen, steht uns dennoch nicht zu.“ Walter Jens freut sich über Schokolade, Kuchen, Spätzle, Auto fahren. Dann wieder ein rapider Verfall, Walter Jens ruft „Hilf mir! Hilf mir doch endlich!“ und Inge Jens hofft inständig, „dass er nicht mehr allzu lang so weiterexistieren muss“. Walter Jens starb drei Monate nach seinem 90. Geburtstag im Juni 2013. W. Mommert

„Langsames Entschwinden“ von Inge Jens. Rowohlt. 160 S., 14,95 Euro.

LN

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