Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Die nächste Schlacht der Karin Beier
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Die nächste Schlacht der Karin Beier
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:25 07.11.2013
Karin Beier hat bereits Besitz vom stolzen Hamburger Schauspielhaus genommen, doch die große Bühne ist weiter Baustelle. Quelle: dpa
Hamburg

Eine Jeanne-d‘Arc-Puppe, die den Oberbürgermeister zu Boden zwingt: So porträtierten die Narren beim Rosenmontagszug 2010 die damalige Kölner Theaterintendantin Karin Beier.

Sie wurde zur Symbolfigur des Bürgerprotests, der den Kölner Stadtrat nach monatelangen Querelen dazu bewog, statt eines Millionen-Theaterneubaus das historische Schauspielhaus zu sanieren.

Jetzt wartet die nächste Schlacht auf die wohl erfolgreichste deutsche Regisseurin der Gegenwart. Die 47-Jährige ist die neue Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, des größten deutschen Sprechtheaters. Der Posten gilt schon allein wegen der 1200 zu füllenden Sitzplätze als schwierigster Führungsjob der Bühnenlandschaft. Beiers Vorgänger Friedrich Schirmer schmiss 2010 wegen der schlechten Finanzausstattung das Handtuch, nach dreijähriger Interimsphase waren die Erwartungen auf einen spektakulären Neuanfang groß.

Gedämpft wurden sie, als Beiers geplante Eröffnungspremiere mit dem Antikenstück „Die Rasenden“ wegen eines Unfalls — bei Bauarbeiten rauschte der Eiserne Vorhang herab und zerstörte Teile der Bühne — abgesagt werden musste. Ihr Marathon aus antiken Tragödien, die Stoffe von Euripides und Aischylos mit Stücken von Hugo von Hofmannsthals und Jean-Paul Sartre verbinden, findet nun erst am Freitag kommender Woche statt. Beier will darin die verschlungenen Geschichten des griechischen Geschlechts der Atriden erzählen, das verflucht scheint: Über Generationen herrscht das Prinzip der Blutrache.

Ein holpriger Einstieg — doch Beier hat schon größere Hürden genommen. Sie formte das Kölner Schauspiel von einem Provinztheater zu einer der führenden Bühnen der Republik. Sie setzte sich in den 1990er Jahren als Regisseurin durch, als dieser Beruf noch fest in Männerhand war. Und sie bestand darauf, in ihrem Kölner Intendantinnenzimmer eine Stillecke für ihre neugeborene Tochter einzurichten und jeden Tag um 17 Uhr nach Hause zu gehen, um sich um die Familie zu kümmern. Nachts ging die Arbeit weiter.

Die Regisseurin pflegt ihre Lust an der Komik auch bei tragischen Stoffen und einen musikalisch- rhythmischen Inszenierungsstil. Schauspielerin Maria Schrader sagte einmal: „Es sind eigentlich Sinfonien, die sie auf die Bühne bringt.“ Den Theaterabend vergleicht sie laut Wolfgang Höbels Biografie „Den Aufstand proben“ mit einem „ekstatischen Tanz mit den Göttern“. Beispielhaft ist Beiers Inszenierung von Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ von 2010. Das Stück, das sich mit der Verantwortung am Einsturz des Kölner Stadtarchivs beschäftigt, ist ein apokalyptisches Spektakel, bei dem sich Erde und Wasser auf der Bühne zu einem alles schluckenden Schlamm verbinden.

Während einer der letzten Kölner Aufführungen dieses Erfolgsstücks konnte man Beier beobachten, wie sie hochkonzentriert das Geschehen auf der Bühne verfolgte. Bisweilen schlich sich ein Lächeln des Triumphs auf ihr Gesicht. Sie wusste schon immer genau, was sie wollte. Die Kölner Shakespeare-Theatergruppe, die sie als 20-jährige Anglistik-Studentin gründete, trug die „streitsüchtige Gegenprüfung“ schon im Namen: „Countercheck Quarrelsome“. Joachim Lux, als Chef des Hamburger Thalia-Theaters Beiers künftiger Konkurrent, sagt, sie habe schon zu Beginn ihrer Karriere ihre Interessen ungewöhnlich entschieden verfolgt. Lux war Chefdramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus, Beiers erster Stadttheater-Station. Dort inszenierte sie unter anderem „Romeo und Julia“, die sie in der Balkonszene auf einer Trapezschaukel turnen ließ. Am Ende sagt Julia zum leblosen Romeo: „Komm mit, wir gehen schaukeln.“ Seitdem gilt Beier als Sprachrohr einer in Watte gepackten Generation, die in lebensmüder Akrobatik einen Kick sucht.

Sie glaubt an einen kathartischen Effekt des Theaters. In ihrer Version von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" (2010) steckte sie Hartz-IV-Empfänger in einen schalldichten Glascontainer — als Objekt des Voyeurismus der Privilegierten. Ihre Maxime lautet: „Theater wirkt auf Geist, Geschlecht und Gedärm.“

Sieben-Stunden-Marathon: „Die Rasenden“
Karin Beier wurde 14. Dezember 1965 in Köln als Tochter einer Engländerin und eines Deutschen geboren. Sie studierte Anglistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Ihr erstes Theaterengagement hatte sie 1991 als Regieassistentin am Düsseldorfer Schauspiel. Von 2007 bis 2013 war sie Intendantin am Schauspiel Köln, das sie zu einer herausragenden Bühne machte.

Eröffungspremiere: Nach einer Verschiebung wegen technischer Probleme startet Karin Beiers Antiken-Marathon jetzt am 15. November (17 Uhr). „Die Rasenden“ setzt sich zusammen aus Stücken von Euripides, Aischylos, Hofmannsthal und Sartre. Der Zyklus wird am Premierenabend in einer sechs bis siebenstündigen vollständigen Fassung gezeigt.

Nina May

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Taschenoper Lübeck bereitet Verdis Operndrama für Jugendliche auf.

07.11.2013

Der Komödiant trat etwas zu lange im Kolosseum auf.

07.11.2013

Sonntag und Montag wird an Hubertus von Lüttich und an Martin von Tours erinnert.

06.11.2013