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Kultur im Norden Die neue Chefin bei Willy Brandt
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22:20 07.03.2018
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Lübeck

Seit dem 1. März ist sie Nachfolgerin von Jürgen Lillteicher, der das Brandt-Haus aufgebaut, zehn Jahre geführt und nun die Leitung des Alliierten-Museums in Berlin übernommen hat. Momentan ist sie noch dabei, sich einzufinden. Aber sie ist schon mal begeistert von der Lübecker Wertschätzung und dem Interesse dem Haus gegenüber. Und von dem bürgerschaftlichen Engagement und der kulturellen Vielfalt in der Stadt.

1968 in Hannover geboren, ging sie mit 14 nach Plön aufs Internat, verbrachte ein Schuljahr in den USA und machte nach dem Abitur und einem Au-pair-Jahr in Japan eine Ausbildung zur Speditionskauffrau. Sie hat in dem Beruf auch gearbeitet, in Frankfurt auf dem Flughafen für ein US-Unternehmen, das Organe, Transplantate oder Aids-Medikamente dorthin brachte, wo sie dringend benötigt wurden.

Studiert hat sie schließlich doch noch, Geschichte, Politikwissenschaften und Amerikanistik in Frankfurt, Hamburg und Bern. In der Schweiz wurde sie 2008 auch promoviert. „Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950“ lautet der Titel ihrer Dissertation, und das Thema hat mit ihrer Familie zu tun. Mit einem Karton alter Briefe, den sie sich eines Abends vorgenommen hatte und in dem sich die Geschichte ihres Großvaters verbarg.

Sie wusste davon nichts, las jetzt aber, dass er in einem solchen Lager inhaftiert war. Im ehemaligen KZ Sachsenhausen, in dem nach Kriegsende die neuen kommunistischen Machthaber ihre Gegner internierten. Viereinhalb Jahre war er dort, ohne Kontakt nach draußen, einer von etwa 154000 Männern und Frauen, die in zehn verschiedenen Lagern oft ohne Gerichtsverfahren über Jahre eingesperrt worden waren.

In den vergangenen acht Jahren hat Bettina Greiner für das von Jan Philipp Reemtsma gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung gearbeitet, allerdings in Berlin. Dort ist auch ihr Mann tätig, der habilitierte Historiker Bernd Greiner. Sie hat am Institut mit den „Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte“ und dem „Berliner Kolleg Kalter Krieg“ zwei große Tagungsreihen mitorganisiert, und spätestens im letzteren wartete die Begegnung mit Willy Brandt.

Aber es komme ja ohnehin kaum an ihm vorbei, wer sich als Historiker mit dem vergangenen Jahrhundert beschäftige, sagt sie. Auch während der Arbeit an ihrer Dissertation war er ein Thema, in den Interviews mit ehemaligen Gefangenen der sowjetischen Lager, die oft scharf mit Brandts Wandel durch Annäherung ins Gericht gingen. Und in Berlin wurde sie auch sonst fast täglich an den großen Kanzler erinnert, bei einem Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus am Steinplatz nahe ihrer Wohnung. Dorthin hatte Brandt 1956 eine wütende Menge geführt, die gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch sowjetische Truppen protestierte. Es war eine prekäre Situation, aber Brandt hatte sie entschärft. „Er war eben auch ein Menschenfänger“, sagt Bettina Greiner.

In Lübeck setzt sie auf Kontinuität. Das Haus sei gut aufgestellt, habe ein großartiges Team, eine klug inszenierte Ausstellung und viele Kooperationen. „Mich interessiert die Frage, wie wir das Haus weiterhin als einen Ort stark machen können, an dem man sich gern aufhält“, sagt sie. „Als einen Ort, der bei jedem Besuch eine neue Überraschung bietet.“ Aber ebenso wichtig sei ihr die Wirkung des Hauses nach außen, in die Stadt hinein. Zum Beispiel mit der Vortragsreihe „Themen Willy Brandts – Themen unserer Zeit“, die zuletzt in der Vorwoche den polnischen Ex-Diplomaten Janusz Reiter nach Lübeck gebracht hat. Oder mit der jährlichen Willy-BrandtRede. Nächster Gast ist dort am 27. März der Politologe Alfred Grosser.

Jeden Tag geöffnet, Eintritt frei

Das Willy-Brandt-Haus ist eine Einrichtung der Bundeskanzler- Willy-Brandt-Stiftung, die neben dem Haus in Lübeck noch das Forum Willy Brandt in Berlin unterhält. Das Haus in der Hansestadt wurde 2007 eröffnet, hat gut zwei Dutzend Mitarbeiter und zählte 2017 gut 52000 Besucher – je zur Hälfte Erwachsene und Jugendliche und ein Rekord. Es hat täglich geöffnet (11-18 Uhr), der Eintritt ist frei.

„Zeitgeschichte erleben“ heißt eine Filmreihe des Brandt-Hauses mit dem Lübecker Filmhaus. Als Nächstes läuft dort am Sonntag, 11. März, „Der Staat gegen Fritz Bauer" (11 Uhr).

Fritz Bauer war Generalstaatsanwalt in Hessen und maßgeblich daran beteiligt, dass die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht kamen.

Peter Intelmann

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