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Die nicht gestellte Frage nach dem Sinn

Lübeck Die nicht gestellte Frage nach dem Sinn

Daniel Kehlmanns neuer Roman „F“ enttäuscht und begeistert zugleich.

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Daniel Kehlmann lebt in Berlin und Wien.

Lübeck. Daniel Kehlmann ist 38 Jahre alt und gehört zur ersten Liga der deutschsprachigen Schriftsteller. Seit dem Erfolg von „Die Vermessung der Welt“ ist er auch ein Bestseller-Autor. Vor allem aber ist er ein Schriftsteller, von dem man stets bessere Bücher erwartet. Mit seinem neuen Roman mit dem seltsamen Titel „F“ hat Daniel Kehlmann diesen Anspruch wohl erfüllt.

Die Geschichte ist witzig und tragisch zugleich, die Grundstimmung ist düster, und dennoch blitzt immer wieder Kehlmanns Sinn für sarkastischen Humor auf. Es passiert auch eher wenig in dieser Geschichte, aber das stört nicht, im Gegenteil. Denn Daniel Kehlmann konzentriert sich auf das, was er am allerbesten kann, auf das Beschreiben von Menschen. Die Zwillinge Eric und Iwan sowie deren Halbbruder Martin sind die heldische Troika in „F“. Die Mütter der drei Brüder spielen nur eine kleine Rolle, ihr Vater Arthur dafür eine umso größere. Martin hat es zum katholischen Priester gebracht, obwohl er nicht an Gott glaubt. Eric ist Finanzberater, den nur manipulierte Bilanzen über Wasser halten. Und Iwan ist Kunstfälscher im großen Stil, besser noch: Er hat gleich einen ganzen Künstler erfunden. Eine skurrile Truppe hat Kehlmann versammelt, gleich drei der großen Problemfelder unserer Zeit sind durch die Brüder vertreten: Klerus, Finanzwelt und Kunstmarkt. Alles steckt in der Krise, und genauso ergeht es den Brüdern.

Wie Daniel Kehlmann die Handlungsstränge verknüpft, ist von großer Kunstfertigkeit, sein schreiberisches Handwerk beherrscht er. Der häufige Wechsel der Erzählperspektiven aber macht „F“ etwas unübersichtlich — genau wie Kehlmanns Hinweise darauf, was es denn eigentlich mit dem Titel „F“ auf sich hat. Da geht einer der Brüder ins Kino, um sich einen Film von Orson Welles anzusehen — dessen letzter vollendeter Film hieß „F for fake“ (F für Fälschung). Ein andermal steht F für Fatum, das Schicksal also. Auch der Familienname der Brüder beginnt mit F. Und die Hauptfigur im erfolgreichsten Roman von Vater Arthur heißt natürlich F. und sondert eher schlicht gestrickte Weisheiten im Stil Paulo Coelhos ab. Womit wir bei den literarischen Anspielungen sind, mit denen Kehlmann seinen Roman bestückt hat.

Zu Beginn besucht Vater Arthur mit seinem Nachwuchs die Show eines Hypnotiseurs: Hier ist Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ ganz nah. Allerdings erreicht Kehlmann nicht die atmosphärische Dichte der Novelle, der Text grenzt an Albernheit. Der Auftritt des Teufels in der Straßenbahn erinnert an den „Doktor Faustus“, irgendwie hat man das Gefühl, weite Passagen dieses Buches schon einmal gelesen zu haben. Was per se auch nicht schlimm wäre, aber ein gewisser fader Nachgeschmack bleibt bei dieser Lektüre doch hängen.

Aber er wird ausgeglichen durch die Schreibkunst Daniel Kehlmanns, besser gesagt: die Beschreibkunst. Der betrügerische Finanzberater Eric ernährt sich vorwiegend von Aufputschmitteln, die Fahrigkeit des Mannes teilt sich dem Leser unmittelbar mit. Der gottlose Pfarrer Martin ist ein leidenschaftlicher Esser und sieht auch entsprechend aus, sogar im Beichtstuhl greift er zu Schokoriegeln, ehe er den Sündern die Absolution erteilt. Und der vornehme Iwan lebt seine Homosexualität im elitären Kunsthandel wie im richtigen Leben aus.

Beschreiben kann dieser Autor, die Architektur eines Romans entwerfen ebenso. Aber was stört letztlich an diesem Buch? Wahrscheinlich ist es die thematische Überfülle. Wenn Kehlmann sich nicht drei Hauptthemen, sondern nur einem gewidmet hätte, wäre ihm womöglich ein Meisterwerk des Zeitromans gelungen. Die Krise der Kirchen, der Zusammenbruch der Finanzmärkte und Kunstmarkt-Affären wie die um den Fälscher Wolfgang Beltracchi hätte alle Stoff genug für einen Roman geliefert.

Die Meta-Ebene von „F“ ist der Versuch, den Werteverfall auf allen Ebenen der Gesellschaft zu beschreiben. Deshalb wohl hat Kehlmann immer noch mehr und mehr ins eine Geschichte gepackt. Aber der Autor tut sich damit keinen Gefallen, weil der die Sinnfrage ausspart. Es herrscht wohl Einigkeit darüber, dass ungläubige Priester den falschen Beruf ausüben. Oder dass betrügerische Anlageberater ins Gefängnis und nicht ins Büro gehören. Warum alle drei Hauptfiguren auf die schiefe Bahn geraten sind, warum sich diese Gesellschaft so schnell so negativ verändert hat, darüber schreibt Kehlmann nicht. Und wofür steht das „F“ nun wirklich? Vielleicht doch nur für Firlefanz?

„F“ von Daniel Kehlmann, Rowohlt, 380 Seiten, 22,95 Euro.

König der Bestseller
Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren. Die Familie zog 1981 nach Wien, dort machte Kehlmann Abitur und studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Ein Erfolg wurde im Jahr 2003 sein fünftes Buch „Ich und Kaminski“. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ schließlich entwickelte sich zu einem der größten Bestseller der deutschen Nachkriegsliteratur, mehr als drei Millionen Exemplare wurden verkauft. Daniel Kehlmann ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Jürgen Feldhoff

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