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„Die vielfältigen Musikstile hat mir das Militär mitgegeben“

Lübeck „Die vielfältigen Musikstile hat mir das Militär mitgegeben“

Die israelische Sopranistin Chen Reiss gastiert am Wochenende beim SHMF.

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Sopranistin Chen Reiss ist eine prominente Opernsängerin, die auch vor Filmmusik, Operette und Musical nicht zurückschreckt.

Quelle: Foto: Paul Marc Mitchell

Lübeck. Sie werden beim SHMF gemeinsam mit dem Hans Dampf des Festivals konzertieren – mit Avi Avital. Sopran und Mandoline, das klingt zunächst ungewöhnlich. Sind Sie schon öfter zusammen aufgetreten?

Chen Reiss: Ja, das ist nicht das erste Mal. Das Programm haben wir bereits in Heidelberg und zwei Mal in Polen aufgeführt. Zuvor hatte ich allerdings noch nie mit meinem Landsmann Avital konzertiert. Denn es gibt kein Repertoire für Sopran und Mandoline.

Eben. Woher haben Sie das umfangreiche Programm genommen?

Wir haben es erfunden. Es gibt darin Lieder von Maurice Ravel, Franz Schubert, Heitor Villa-Lobos oder Gaetano Donizetti, die wurden extra für uns arrangiert. Nicht nur für Stimme und Mandoline, wir werden auch noch von einem Gitarristen und einen Cellisten begleitet. Wir haben Lieder aus verschiedenen Epochen zusammengestellt, die alle etwas Volkstümliches eint.

Sie singen neben den großen Opern- Partien auch Operette, Oratorien und jetzt ein Liederprogramm. Muss eine Sopranistin heute so vielfältig sein?

Das muss man nicht. Man sollte als Künstlerin nur das tun, was man liebt, wovon man überzeugt ist. Ich muss auf der Bühne die Musik vortragen, mit der ich mich wohlfühle. Ich finde es spannend, die Genres zu wechseln, dabei lerne ich immer wieder Neues – sogar in der Filmmusik. 2006 habe ich mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle einen Teil des Soundtracks von „Das Parfum“

eingesungen – das war damals eine ganz neue Erfahrung für mich.

Was ist das Schwierigste in Ihrem Beruf?

Oper hält größere Herausforderungen bereit als das Singen im Konzert: Man singt eben nicht nur, man muss auch einen Charakter glaubhaft darstellen – und manchmal musste ich in einer Rolle fliegen und in luftiger Höhe singen. Zusätzlich muss man sich auf Regisseure einlassen, die meistens ganz andere Vorstellungen von einer Partie haben als der Sänger oder die Sängerin. Beim Programm, das wir am Wochenende beim Musikfestival vorstellen, sind wir ganz frei – es gibt keinen Regisseur und keinen Dirigenten, nur uns vier Musiker. Wir haben sogar die Stücke vorsichtig gefälscht . . .

Gefälscht? Was bedeutet das?

Die Bearbeitungen sind behutsam, aber die bekannten Stücke wie zum Beispiel Franz Schuberts „Heidenröslein“ oder „Die Forelle“ bekommen durch unsere Besetzung eine ganz neue Farbe.

Singen Sie auch anders als sonst?

Nein, da bin ich ganz konservativ. Und doch: Bei einem sephardischen Liederzyklus von Daniel Akiva, einem Israeli, singe ich nicht opernhaft, denn es sind fast arabisch klingende Volkslieder, die zum Teil mikrotonale Melodien haben. Akiva hat 500 Jahre altes Material dafür verwendet.

Wie viele Künstlerinnen und Künstler, die im deutschsprachigen Raum von sich reden machen, haben auch Sie einen bunte Familiengeschichte. Woher kommen Ihre Vorfahren?

Die Vorfahren meines Vaters kommen aus Ungarn, 1939 mussten sie Hals über Kopf nach Palästina emigrieren. Die Eltern meiner Mutter stammen aus der Türkei und aus Syrien. Auch sie kamen in den 1940er Jahren, vor der Gründung des Staates Israel, als sephardische Juden nach Palästina, wo meine Eltern geboren wurden.

Hat Sie diese Genealogie künstlerisch beeinflusst?

Ich denke schon. Meine ungarischen Großeltern haben Deutsch gesprochen, und das Österreich-Ungarische, das sie verkörpert haben, ist mir immer noch vertraut, vor allem das Essen. Die sephardische Seite hat mir die Latino-Kultur eingeflößt. Israeli ist eben ein große Schmelztiegel.

Ihren Militärdienst haben Sie mit 18 Jahren in Israel abgeleistet. Schwierig für eine Sängerin?

Nun ja, nach drei Wochen militärischer Ausbildung konnte ich ins Militärorchester wechseln und habe dort klassische und auch viel populäre Musik gesungen. Französische Chansons, Jazz und Musical zum Beispiel. Meine Liebe zu den unterschiedlichen Stilen hat mir das Militär mitgegeben.

Internationaler Opernstar

Chen Reiss wurde 1979 in Herzliya nördlich von Tel Aviv geboren. Mit 14 Jahren erhielt sie eine Gesangsausbildung. Seit einigen Jahren gehört sie zum Ensemble der Wiener Staatsoper und hat auch an vielen anderen internationalen Opernhäusern gastiert. Ihr Mann ist Engländer, sie haben zwei kleine Kinder.

Konzert mit Avi Avital: Sa. 19. August, 20 Uhr, Meldorf, Dom; So., 20. August, 19 Uhr, Plön, Nikolaikirche

Interview: Michael Berger

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