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„Diesen Kuss der ganzen Welt“

Hamburg „Diesen Kuss der ganzen Welt“

Das Eröffnungskonzert der Hamburger Elbphilharmonie bot eine berauschende Überdosis Musik.

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Hamburg. Wenn eine Kulturinstitution mit so viel Vorschusslobpreisungen bedacht worden ist wie die Elbphilharmonie, kann der Ernstfall, also das erste Konzert, nur zur Enttäuschung führen. Befürchtete man. Doch die Begeisterung über die Ästhetik des Raums und vor allem die Akustik ergriff alle, die das Glück hatten, beim Eröffnungskonzert dabei zu sein.

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Das Eröffnungskonzert der Hamburger Elbphilharmonie bot eine berauschende Überdosis Musik.

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Zumal Thomas Hengelbrock, der Chefdirigent des nun zum Elbphilharmonie Orchester geadelten großen NDR-Klangkörpers, mit einer raffinierten Dramaturgie überraschte. Werke aus mehr als vier Jahrhunderten, von der Renaissance bis in die Gegenwart, wurden nahtlos aneinandergereiht, was ohne harte Brüche gelang.

Doch vor dem eigentlichen Konzert hat das Orchester zunächst zwischen Reden für Festlichkeit beim Eröffnungsakt zu sorgen. „Beethoven geht immer“, sagte Hamburgs ehemaliger Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher einmal, und auch Hengelbrock scheint den Grundsatz zu kennen – die Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ sorgt für gebührenden Ernst, auch wenn die ersten Akkorde wie Schüsse durch den Raum gellen. Da kann man aber bereits deutlich hören, dass bei großen Besetzungen jede Instrumentengruppe im Orchester glasklar zu vernehmen ist, allerdings auch jeder Kiekser der Hörner, jedes unsaubere Anblasen der Trompeten.

Ein einsamer Rufer steht dann am Anfang des Programms. Der Oboist Kalev Kuljus ist nicht sofort auszumachen in den Rängen. Von dort sendet er ein Solo – Benjamin Brittens „Pan“ von 1951. Es hätte auch eine Improvisation sein können, so intim klingt die Botschaft des Esten (der übrigens Schirmherr für das Instrument des Jahres in Schleswig-Holstein ist).

Die Streicher tauchen übergangslos in Henri Dutilleux’ „Mystère de l’instant“ ein, eine Komposition von 1989, mit enger Stimmführung und feinnervigen Klangflächen. Selbst das Rascheln der Streicher im Pianissimo ist ganz plastisch zu hören, auch noch in den oberen Rängen, wo die Konzerttickets billiger werden. Dort setzt der Countertenor- Star Philippe Jaroussky unvermittelt mit einer Arie aus dem 16. Jahrhundert ein, begleitet von der Harfenistin Margret Köll. Atemberaubende Koloraturen singt der Franzose – bereits jetzt ein Höhepunkt des Eröffnunfsabends.

Schärfer kann ein Kontrast nicht sein: Mit Bernd Alois Zimmermanns „Photoptosis“ von 1968, einem Punk-Stück für großes Orchester, wird auch große Lautstärke ausprobiert. Harte Cluster, mikrotonale Intervalle und Geräusche wie von Schiffsirenen rasen durch den Raum. Hengelbrock lotet die Duldsamkeit des Saales aus, ganz nebenbei auch noch die Belastbarkeit des Publikums. Denn danach gibt es wieder Alte Musik, abgelöst von Rolf Liebermanns „Furioso“, in dem die Jazz-Affinität des ehemaligen Intendanten der Staatsoper vernehmbar wird. Ein eklektisches Stück von Olivier Messiaen beschließt den ersten, lautstark bejubelten Teil.

Das geladene Publikum, ob extra fein oder eher schlicht, macht sich den Saal auf seine Weise zu eigen: Mit dem Smartphone wird erst die Tiefe des Raums vermessen, dann der Ehepartner fotografiert, dann Barbara Schöneberger, die sich als Fernsehmoderatorin eine steile Frisur hat verpassen lassen, wahlweise auch andere Prominente. In der Pause zeigt sich der Bau human: Jetzt, da er mit Menschen, ihren Geräuschen, ihren Bewegungen ausgefüllt ist, lässt er nicht mehr auf jeder Etage seine Muskeln spielen.

Die zweite Hälfte des Abends beginnt mit Wohlklang und Dramatik in Zeitlupe: mit Wagners „Parsifal“-Vorspiel, das wiederum in die Enttäuschung des Abends mündet: die bei Wolfgang Rihm in Auftrag gegebene „Reminiszenz“. Sie soll eine Verbeugung vor dem Hamburger Schriftsteller Hans Henny Jahnn sein, und der Tenor Pavo Apkalna bemüht sich auch um redliches Pathos. Doch die Darbietung hat etwas unfreiwillig Komisches, man möchte den Kerkeling-Klassiker „Hurz!“ hineinrufen.

Eine Erlösung ist danach der Schlusssatz aus Beethovens 9. Sinfonie. Beim Chorfinale „Freude, schöner Götterfunken“ fangen Orchester, Sänger und auch der Dirigent an zu fliegen: „Diesen Kuss der ganzen Welt.“ Beethoven geht eben immer. Die Überdosis Hochkultur an einem imposanten Ort findet einen glücklichen Schlusspunkt.

Der Star

Der Countertenor Philippe Jaroussky war einer der Stars in den Eröffnungskonzerten der Elbphilharmonie. Der 38 Jahre alte Franzose ist zurzeit Artist in Residence des NDR Elbphilharmonie Orchesters. 2016 wurde ein Asteroid nach dem vierfachen Echo-Gewinner benannt: „(332183) Jaroussky“. Er fühlt sich in Hamburg offenbar wohl: „Ich habe das Gefühl, dass ich in Deutschland in den letzten Jahren sehr geliebt werde“, sagte er.

Konzert : Jaroussky wird am 4. Mai zusammen mit dem Elbphilharmonie-Orchester wieder im großen Saal auftreten, auf dem Programm stehen Werke von Purcell, Berlioz und Mendelssohn Bartholdy. Leider ausverkauft.

Michael Berger

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