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Doldinger — Einer für alle

Lübeck Doldinger — Einer für alle

Er ist einer der bedeutendsten Jazz- und Filmmusiker Deutschlands, morgen wird Klaus Doldinger 80 Jahre alt.

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Improvisiert im Blindflug: Saxofonist Klaus Doldinger.

Quelle: Manfred Segerer/imago

Lübeck. Man muss sich Klaus Doldinger als glücklichen Menschen vorstellen. Er ist vermutlich der erfolgreichste Jazzmusiker Deutschlands, doch er hat es immer geschafft, dass sich ein breiteres Publikum außerhalb der Jazz-Ghettos für seine Musik interessiert.

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Er ist einer der bedeutendsten Jazz- und Filmmusiker Deutschlands, morgen wird Klaus Doldinger 80 Jahre alt.

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Ob er sich selbst überhaupt noch als Jazzmusiker verstehe, wurde er vor einiger Zeit gefragt. „Man schätzt mich so ein“, war seine lakonische Antwort. Um dann nachzusetzen: „Ich war immer ein Musikant und als Komponist und Saxofonist eigentlich Autodidakt. Ich habe zwar Musikwissenschaft studiert, am Konservatorium zehn, zwölf Jahre Klavierunterricht gehabt, mal ein halbes Jahr Klarinette gelernt, Gehörbildung, Kontrapunkt, was man so macht am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium. Dieses breite Fundament hat mir den Weg in den Jazz erleichtert.“ Von Düsseldorf ist auch jetzt wieder die Rede, wenn es um Klaus Doldinger geht: In der Tonhalle am Rhein feiert er morgen seinen 80. Geburtstag, seine Band wird dabei ergänzt durch Popsänger Sasha, Udo Lindenberg und das Funkhausorchester Köln.

Diese Kombination sagt viel über die stilistische Bandbreite des Musikanten Doldinger aus. Er hatte nie Berührungsängste zum Pop, unter dem Pseudonym Paul Nero veröffentlichte er auch Tanzmusik.

Natürlich darf man bei einem Rückblick auf das Schaffen des Saxofonisten nicht unerwähnt lassen, dass Klaus Doldinger 1970 die berühmte „Tatort“-Titelmelodie geschrieben und eingespielt hat, mitgeliefert wird mit dieser Information stets, dass damals Lindenberg am Schlagzeug saß. Ihn hatte Doldinger in seine Band geholt, nachdem ihm der Mann aus Gronau „etwas auf unserem Sofa vorgetrommelt“ hat. Dem „Tatort“-Intro verpassten die beiden einen mordsmäßigen Groove, um im Vokabular des Genres zu bleiben.

Doldingers zweitgrößter Erfolg war die Filmmusik für Wolfgang Petersens Epos „Das Boot“, für das er mit feinem Orchesterpinsel in Breitwand-Cinemascope komponierte. Der Soundtrack zum Michael-Ende-Film „Die unendliche Geschichte“ stammt ebenso von ihm wie der zur Serie „Liebling Kreuzberg“.

Angefangen hatte Doldinger wie viele seiner Generation mit Dixieland und Swing, Feetwarmers hieß seine Band. Mitte der 1950er Jahre kam der Bebop nach Deutschland, Doldinger richtete sich schnell in diesem Idiom ein und war auch in den USA erfolgreich mit einem Quartett, das seinen Namen trug. Zum freien Spiel ohne harmonisches Skelett ließ er sich nie hinreißen, dadurch unterschied er sich von Weggefährten wie Albert Mangelsdorff oder Wolfgang Dauner. Auch sie waren international erfolgreich, blieben wie Doldinger in Deutschland verwurzelt, bildeten aber so etwas wie eine europäische Jazz-Avantgarde.

Doldinger fand zu seinem eigenen Sound mit einer Formation aus Musikern, die nicht nur in den zeitgemäßen Spielarten von Hotjazz und Blues zuhause waren, sondern auch im Rock-Idiom. Passport nannte Doldinger die Band, die seit 1971 mit wechselnden Besetzungen seine Kompositionen mit vorwärtstreibenden Funk-Rhythmen spielt, über die er mit dem Saxofon Hymnen intoniert und in großen Melodiebögen improvisiert.

Er muss nichts mehr ausprobieren, er kann von sich behaupten, jahrzehntelang den Ton in der avancierten Unterhaltungsmusik angegeben zu haben. Und so hat er jetzt, als Retrospektive zu seinem runden Geburtstag, einige seiner Klassiker neu eingespielt und namhafte Musiker der Jazz-, Rock- und Popwelt aus drei Generationen mitwirken lassen (siehe links). Dass das Album schlicht „Doldinger“ heißt, soll belegen, dass der Name Programm ist. Ein hüpfender E-Bass, flächige Perkussion, ausgiebige Soli über eingängigen Harmoniegerüsten — was aufgezählt so einfach erscheint, ist raffiniert arrangiert. Und die zentrale Aussage des Programms ist: Hier ist ein hörbar glücklicher Musiker am Werk.

Die Klassiker des Saxofonisten

„Doldinger“ , das Album zum 80. Geburtstag des Saxofonisten und Komponisten, ist die 35. CD, die Klaus Doldinger mit seiner Gruppe Passport eingespielt hat. Eigentlich sind hier zwei Bands zu hören, die eine heißt „Passport Classic“, weil Doldinger hier mit Mitstreitern der frühen Jahre zu hören ist — Curt Cress am Schlagzeug, Wolfgang Schmidt am Bass und Robert Di Gioia an den Tasten. „Abracadabra“, ein Klassiker mit extravagantem Rhythmus und einem langen Solo Doldingers auf dem Tenorsaxofon, ist von dieser Besetzung zu hören. Die zweite, aktuelle Doldinger- Band hat sich Gäste eingeladen. Da ist natürlich Udo Lindenberg als Sänger von „Der Greis ist heiß“ („Alte Männer sind gefährlich, denn die Zukunft ist egal“) zu hören, Max Mutzke singt mit viel Druck in der Stimme den „Inner City Blues“ , Nils Landgren lässt auf „Soul Town“ seine Posaune sprechen. Das schönste Stück aber ist ein Duo: Doldinger bläst, begleitet von Helge Schneider an der Hammond-Orgel, den Blues-Standard „St. James Infirmary“ — eine hinreißende Aufnahme der beiden Altmeister.

Von Michael Berger

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