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Ehrlich, auch wenn keiner guckt

Lübeck Ehrlich, auch wenn keiner guckt

Lance Armstrong lag am Boden. Der Führende der Tour de France war zu nah an die Zuschauer herangefahren, und dann war es passiert. Jan Ullrich war Zweiter und hätte jetzt Zeit gutmachen können. Aber er hielt an und wartete. Und dann sah er, wie Armstrong ihm ohne zu danken davonfuhr.

Lübeck. War das anständig? Oder war das blöd? Gute Frage. Eine, an der man sich abarbeiten kann, manchmal ein ganzes Leben lang. Jedenfalls hatte diese Szene alles, um Eingang zu finden in eine griechische Tragödie. Sie hatte einen Helden, einen Schurken und eine existenzielle Situation. Sie war klassisch.

Axel Hacke erzählt davon in seinem Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Er schlägt sich dabei auf die Seite Jan Ullrichs. Es gebe eben Werte, die über Sieg und Erfolg stünden, sagt er. Fairness etwa. Den Versuch, sich auf Augenhöhe und ohne Tricks zu begegnen. Anstand halt.

192 Seiten hat Hacke darüber geschrieben, ein paar weniger hätten es auch getan, und im Grunde brauchte man noch nicht mal die. Ein Blick in die Zehn Gebote würde schon reichen. Da ist kurz und knapp zu finden, was man braucht für ein anständiges Miteinander. Wer es noch knapper mag, kann sich an Kants kategorischen Imperativ halten: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Ein Satz nur, mehr muss man nicht sagen. Es ist wie beim Abnehmen: Anders essen und mehr bewegen, dann funktioniert es. Und eigentlich weiß

das ja auch jeder.

Dass Hacke weiter ausholt, liegt unter anderem an den „schwierigen Zeiten“ im Buchtitel. Er schildert all die Entgleisungen und Verrohungen unserer Tage. Er führt Beispiele an dafür, dass die Dinge aus dem Ruder laufen – von der für „Integrität und Recht“ zuständigen VW-Vorständlerin, die nach einem Jahr im Amt mit 12,5 Millionen Euro Abfindung geht, bis zu den Angriffen auf Flüchtlinge in Clausnitz und anderswo. Und vor allem kommt er auch auf Sicherheit zu sprechen.

Sicherheit, sagt er, sei ein „menschliches Grundbedürfnis“. Es gehe einher mit dem Verlangen nach Anerkennung, nach dem, was der Sozialpsychologe ErnstDieter Lantermann ein „positives Selbstwertgefühl“ nennt. Ohne Sicherheit und Anerkennung drohten Menschen zu entwurzeln. Deshalb suche man Gruppen, in denen man sich aufgehoben fühle. Deshalb brauche man einfache Wahrheiten, die all die Verwirrung um einen herum ordnen. Deshalb gebe es diese „Selbstradikalisierung“, diese Flucht in Fremdenhass und Fitnesswahn, diese Fixierung auf überaus korrekte Ernährung und eine noch korrektere politische Haltung, die am Ende nur als blanker Fanatismus daherkommt.

Hacke spricht nicht von einer Welle, sondern einem „Ozean“ der Anstandslosigkeit. Aber er tut das eher aus einem Gefühl heraus, statistische Angaben sucht man in dem Band meist vergebens. So erfährt man zum Beispiel nicht, dass die Gewaltkriminalität in Deutschland im vergangenen Jahr zwar deutlich gestiegen, in den Jahren davor aber gesunken ist. Und dass sich die meisten Deutschen im öffentlichen Raum laut einer Umfrage vom Januar dieses Jahres alles in allem sicher fühlen. Ab und zu jedoch taucht eine Zahl auf, etwa zum Internet, und die ist interessant. Nur sieben Prozent melden sich in Meinungsforen auch zu Wort, zitiert Hacke eine Studie der Universität Mainz. Mehr als 90 Prozent nutzten Facebook oder Twitter selten oder nie, um etwas zu kommentieren.

Das lernt man also und ebenso, dass Anstand ein Verfallsdatum hat. Es gab Zeiten, in denen es als unanständig galt, ohne Hut auf die Straße zu gehen. Das ist heute anders. Aber es könnte sein, dass unsere Zeit einmal als barbarisch gilt, weil wir Tiere töten und essen.

Wie sich ohnehin manches relativiert mit Hackes Blick. Er selbst sei nicht perfekt, sagt er, oh nein. Und bestimmten Leuten würde man nie Anstand beibringen können. Man müsse halt nur aufpassen, dass sie nicht die Oberhand gewinnen. Aber reden, das mal als Maxime, und sich in den anderen hineinversetzen, das helfe.

Und eine schöne Definition von Anstand liefert er auch. Ein Sinn für Gerechtigkeit sei das, ein Gefühl der Solidarität und „für den Gedanken, dass man sich an die Regeln auch dann hält, wenn mal gerade keiner guckt“. Ein Gefühl „für Ehrlichkeit also und Offenheit, auch sich selbst gegenüber“.

Journalist und Autor

Axel Hacke (61) war politischer Reporter bei der „Süddeutschen Zeitung“, bevor er sich für eine Existenz als freier Autor entschied. Nach diversen Bucherfolgen wie „Nächte mit Bosch“, „Der kleine Erziehungsberater“ oder „Der weiße Neger Wumbaba“, hat er jetzt „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ geschrieben (Kunstmann, 192 Seiten, 18 Euro).

Peter Intelmann

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