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Kultur im Norden Ein Abend als Klang-Gemälde
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21:05 01.08.2018
Fantastische Leistung: Star-Cellist Steven Isserlis spielt makellos und mit beeindruckender Leichtigkeit. Quelle: Marco Ehrhardt
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Lübeck

Der Saal war fast voll besetzt, als Järvi den Abend mit der Ouvertüre zu „Die Braut von Messina“ begann. Die Zeichensprache des Dirigenten ist für Uneingeweihte schwer zu entschlüsseln, mit seinem Orchester aber versteht er sich blind.

Die Musikerinnen und Musiker reagierten auf die kleinste Bewegung ihres Leiters, eine solch verschworene Gemeinschaft ist selten zu erleben. Die Ouvertüre erklang in all ihrer Zerrissenheit und Wildheit, ein klangliches Gemälde der großen Emotionen entstand.

Paavo Järvi setzt auf Kontrastwirkungen, mit seinem Kammerorchester hat er einen Klangkörper zur Verfügung, der dazu in der Lage ist, äußerst differenziert zu spielen. Schon nach diesem ersten Werk des Konzertes war der Applaus groß.

Steven Isserlis ist einer der ganz großen Cellisten unserer Tage. Er spielt ein ganz wunderbar klingendes Instrument von Stradivari, seine Technik ist makellos. Schumanns Cello-Konzert in a-Moll interpretierte der Solist als eine einzige große Elegie. Die leisen Töne waren es dabei, die den Reiz von Isserlis‘ Spiel ausmachten. Mit spielerischer Leichtigkeit bewältigte er die kompliziertesten Passagen der Partitur, elegant und luftig begleitete ihn Paavo Järvi.

Im letzten Satz, den Schumann mit „sehr lebhaft“ bezeichnet hat, zeigte Steven Isserlis noch einmal seine ganzen brillanten Fähigkeiten. Mal schroff, aber dann immer wieder sanft und rein ließ er sein Instrument klingen. Das Publikum war begeistert und erklatschte sich eine wunderschöne, sehr intim klingende Zugabe des Solisten.

Nach der Pause dann der Auftakt zur Reihe mit Robert Schumanns Sinfonien. Auf dem Programm stand die Nummer 2 in C-Dur, die der Komponist schrieb, als er unter schweren Depressionen litt. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt klingt dieses Werk, Paavo Järvi gelang es wiederum, die Kontraste klar zu zeigen und auch zu definieren. Ein Dirigat, das Effekte nicht scheute und alles andere als analytisch war, aber wohl gerade deshalb dem Gehalt der Sinfonie sehr nahe kam. Järvi zeigte deutlich auf, wie Schumann gegen seine Schwermütigkeit und seine Schreibblockade ankomponiert hat, die wilden Ausbrüche der Verzweiflung waren ebenso zu erleben wie die feenhafte Klänge, die stets an der Grenze zum Spukhaften entlang wandeln. Gerade im langsamen Satz wurde diese bipolare Dimension von Järvi und seinem Orchester geradezu zelebriert – eine fantastische Leistung.

Das Publikum applaudierte begeistert, Järvi und seine Musiker bedankten sich mit dem „Valse triste“ von Jean Sibelius. Eine passendere Zugaben kann man sich kaum wünschen.

Zur Person

Steven Isserlis wurde 1958 in London geboren. Angeblich ist er mit dem Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy verwandt.

Er studierte am International Cello Centre in Schottland sowie am Oberlin College in Ohio, USA.

Preise: Für seine Arbeit erhielt er den Gramophone Award. Und er wurde von der Royal Philharmonic Society als Musiker des Jahres geehrt.

Jürgen Feldhoff

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