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Kultur im Norden Ein Abglanz von Wundern
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18:10 31.07.2018
Christo und Jeanne-Claude (l.) hatten den Berliner Reichstag im Sommer 1995 vollständig mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe verhüllt. Quelle: Fotos: Christo + Wolfgang Volz, Dpa, Afp

Goslar. Vergänglichkeit ist das Wesen dieser Kunst. Der verhüllte Reichstag, die umsäumten Inseln vor der Küste Floridas, die Tore im New Yorker Central Park: Was immer das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude für aufsehenerregende Projekte verwirklicht hat – nach ein paar Wochen oder auch nur Tagen ist der Zauber, den ihre Arbeiten auf fast alle Betrachter ausüben, wieder verflogen. Insofern ist das Projekt, das Christo vor 30 Jahren in Goslar verwirklichte, eine Ausnahme in seinem Werk.

Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude hat über Jahrzehnte spektakuläre Projekte realisiert – eine große Schau im Mönchehaus- Museum Goslar erzählt davon.

Der Künstler, der damals noch nicht im Team mit seiner 2009 verstorbenen Frau auftrat, erhielt 1987 den Goslarer Kaiserring. Gern hätte man damals in der Stadt gesehen, dass er die Kaiserpfalz oder ein anderes bedeutendes historisches Gebäude der Stadt verhüllt, doch Christo winkte ab: Bevor sein lang gehegter Wunsch, den Berliner Reichstag zu verhüllen, nicht Realität geworden war, wollte er kein Projekt in Deutschland angehen. Nach einem Besuch des kurz vor der Schließung stehenden Bergwerks Rammelsberg entschloss er sich jedoch anders: Christo wollte die letzte Lore verhüllen, die das Bergwerk am Ende seiner rund 1000-jährigen Betriebszeit verlassen sollte.

Diese Arbeit – „Package on a Hunt“ – steht nun im Mittelpunkt einer großen Ausstellung, die das Goslarer Mönchehaus-Museum im Jahr seines 40. Geburtstags Christo und Jeanne-Claude gewidmet hat. Genau genommen ist die Arbeit schon vor dem prächtigen Fachwerkhaus zu sehen, das das Museum beherbergt. Fast 20 Jahre wurde die Lore direkt im Rammelsberg gezeigt. Nun steht sie in einer Open-Air-Vitrine wieder vor dem Mönchehaus, dessen Sammlung sich wesentlich aus Werken von Kaiserring-Trägern speist.

Im Museum selbst ist vor allem das zu sehen, was vom flüchtigen Werk des Künstlerpaars übrig bleibt: Planungszeichnungen und Fotografien, die die aufgebauten Arbeiten dokumentieren. Zeichnungen und Fotos sind dabei eigenständige Kunstwerke und Mittel zum Zweck: Durch den Verkauf der Blätter haben Christo und Jeanne-Claude ihre Projekte stets aus eigener Kraft finanziert.

Der Fotograf Wolfgang Volz hat dabei regelmäßig das Künstlerduo zum -trio erweitert: Er fotografiert seit den Siebzigerjahren die spektakulären Landschaftsprojekte, denen der Kunsthistoriker Werner Spies das Spiel „mit dem Topos von Weltwundern“ bescheinigt. Tatsächlich sind es in Goslar vor allem seine großformatigen, lichtgesättigten Bilder, die den Besucher noch immer überwältigen können.

Die von einem künstlichen Strand leuchtend rosa umschlossenen Inseln; die Brücke Pont Neuf in Paris unter champagnerfarbenem Tuch; die schwimmenden Stege am italienischen Iseosee mit dem in Lübeck verarbeiteten Stoff und der Reichstag, der – silbrig glänzend wie ein Ufo – in der damals wüsten und leeren Mitte Berlins gelandet zu sein schien: Volz’ Fotografien strahlen dauerhaft im Abglanz dieser rätselhaft-schönen und unbescheiden wundergleichen Kunst.

Mehr als ergänzt wird die Schau durch viele Originalzeichnungen und einige Objekte, die die Sammler Ingrid und Thomas Jochheim zusammengetragen haben und die in Goslar erstmals vollständig zu sehen sind. Neben Frühwerken wie verpackten Zeitschriften sind das vor allem Begleitwerke zu den großen Projekten. Nicht alle davon sind bereits realisiert: Die Mastaba aus Ölfässern, die Christo gerade in London aufgebaut hat, soll noch den Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate finden. Geduld und Diplomatie sind bei der Realisierung dieser besonderen Kunst wohl fast so wichtig wie der schöpferische Impuls.

Darum fühlt sich Christo auch Goslar und dem Mönchehaus besonders verbunden, wie der 83-Jährige im Katalog schreibt: Der Vater der heutigen Museumsdirektorin Bettina Ruhrberg hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, die lang ersehnte Erlaubnis zur Verhüllung des Reichstags zu bekommen.

Die Ausstellung „Christo & Jeanne- Claude“ läuft bis zum 16. September

im Mönchehaus-Museum Goslar

Entdeckung der Leichtigkeit

Christo Vladimirov Javacheff wurde 1935 in Bulgarien geboren, seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude im selben Jahr in Casablanca. Von ihnen stammen einige der populärsten Kunstaktionen der Welt. So hängten sie Stofftore in den New Yorker Central Park („The Gates“, 2005) oder ließen gelbe Sonnenschirme bei Kalifornien im Meer verschwinden und in Japan wieder auftauchen („The Umbrellas“, 1991). Und immer war da eine große Leichtigkeit.

Stefan Arndt

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