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Ein Ausklang mit Nachhall

Lübeck Ein Ausklang mit Nachhall

Lübeck. Ein klangvoll krönender Abschluss: Das an beiden Abenden des vergangenen Wochenendes sehr gut besuchte „Paulus-Oratorium“ von Felix Mendelssohn Bartholdy wurde zu einem eindrucksvollen visuellen und akustischen Ausklang des Festivals „Kunst am Kai“.

Lübeck. Schon bevor der erste Ton erklingt, ist sichtbar, dass Birgit Kronshage (Regie), Gabriele Pott (musikalische Leitung) und Alex Mans (Bühnenausstattung) gemeinsam etwas Großes geschaffen haben: Die Szenerie ist gewaltig.

 

LN-Bild

Sie füllten den Hafenschuppen mit ihren klangvollen Stimmen: Bariton Jan Westendorff als Paulus (li.) und Tenor Daniel Philipp Witte sangen die Solo-Partien im „Paulus“-Oratorium.

Quelle: Foto: Christoffer Greiss

Die Bühne des Hafenschuppens C trennt ein roter Teppich vom Publikum, ein langgezogener Läufer, der die gesamte Halle optisch abteilt. Rechts und links im Hintergrund thronen zwei rot verkleidete Türme, ebenfalls ausladend. Den einen schmückt ein Plakat mit der Aufschrift „Würde“. Eine riesige, begehbare Bibel steht aufgeklappt zur Linken der Bühne. Schriftzüge in Alt-Aramäisch zeigen an, wann die Geschichte spielt – in biblischer Zeit. Im Dreieck zwischen den Türmen und dem Teppich befindet sich der ebenfalls eindrucksvolle Projekt-Chor, 150 Mitwirkende, auch Gastsänger vom Johannes Brahms-Chor aus Hamburg und Mitglieder der Kantorei der Alexanderkirche Wildeshausen. Vor ihnen sitzt das Kunst am Kai-Orchester, mit Mitgliedern der Lübecker Philharmoniker und der Musikhochschule Lübeck.

Ein großer Raum braucht große Stimmen

Alle drei Solisten waren spielend in der Lage, die riesige Halle zu füllen: Die in Lübeck ausgebildete Lisa Ziehm überzeugte mit ihrem klangstarken und strahlend schönen Sopran, Daniel Philipp Witte sang mit tragender und ausgewogener Stimme die Tenorpartie und Jan Westendorff (Bass-Bariton) wurde zu einem berührenden Paulus, füllte die Rolle mit der inneren Größe, die sie verlangt. Die Abstimmung zwischen Chor, Orchester und Solisten gelang ebenfalls. Sie bildeten eine musikalische Einheit.

Noch eine weitere Dimension machte die Lübecker Aufführung zu etwas Besonderem: das Szenische. In dezente, römisch anmutende Kostüme gekleidet agierten die Solisten entlang des roten Teppichs, ohne das Oratorium zu überfrachten. Das meiste blieb angedeutet – die Steinigung des Stephanus, die Bekehrung des Paulus und dessen eigener Märtyrertod.

Und noch etwas hatte die Aufführung zu bieten: Tanz mit Caroline Maylin-Kritzinger und Johannes Kritzinger. Die beiden Tänzer übernahmen die Rolle eines modern gekleideten Paares und zeigten die Zeitlosigkeit des Themas „Verfolgung“, das die Paulusgeschichte prägt. Die Frau, in grauer Hose, groben Schuhen und mit einem grauen, weiten Hemd ist die Zweifelnde, die Angst vor dem Neuen hat, die Fremdes ablehnt, aber schließlich überzeugt wird von ihm, dem ebenfalls in Grau gekleideten Mann, der sie lehrt, die Bibel zu lesen und offen zu werden für Neues.

Auch einen unübersehbaren politischen Aspekt hatte die Aufführung. Lange hing das Plakat mit dem Wort „Würde“ inhaltlich noch uneingelöst am rechten der roten Türme. Ganz zum Schluss entrollten Solisten und Tänzer ein gigantisches Transparent, das den gesamten roten Läufer bedeckte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Zeitgleich mit den ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl endete das Konzert und löste bei nicht wenigen Zuschauern Betroffenheit aus.

Luther-Nachschlag

Kunst am Kai ging in diesem Jahr in seine vierte Spielzeit im Hafenschuppen C auf der nördlichen Wallhalbinsel Lübecks. Höhepunkt war die Jugendoper „Luther in Love“ unter Leitung von Kunst-am-Kai-Gründerin Gabriele Pott. Neben jungen Solisten, einem Chor und einem professionellen Orchester sangen und spielten mehr als 40 Kinder und Jugendliche auf der Bühne mit. Ausschnitte daraus kann man noch einmal am Sonntag, 8. Oktober, um 10 Uhr in der Lübecker Marienkirche im Rahmen des Gottesdienstes erleben.

Cornelia Schoof

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