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Ein Blick in die Abgründe des Bürgertums

Hamburg Ein Blick in die Abgründe des Bürgertums

Viel Applaus bei der Premiere von Yasmina Rezas „Bella Figura“ im Hamburger St. Pauli Theater.

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Geplänkel auf dem Autodach: Andrea (Judith Rosmair) und Boris (Stephan Schad).

Quelle: dpa

Hamburg. . Das Wort „vögeln“ fällt gleich im ersten Satz, doch dazu kommt es die folgenden 90 Minuten über nicht. Dafür herrschen Betrug, Unsicherheit und mehr oder weniger latente Aggressivität. Eben all die Abgründe eines sozial erschütterten Bürgertums, wie sie Dramatikerin Yasmina Reza in ihren international erfolgreichen Boulevardstücken („Kunst“, „Der Gott des Gemetzels“) gern sprachlich virtuos und pointiert schildert. Das jüngste Werk „Bella Figura“ (2015) der 56-jährigen französischen Schriftstellerin mit polyglotten Wurzeln ist am St. Pauli-Theater in Hamburg unter reichem Beifall zur Premiere gekommen.

Hausherr Ulrich Waller inszenierte die Reza-typische, doch buchstäblich eher kleine Ehebruchkomödie mit Sinn für ironische Überspitzung und einem lustvoll aufspielenden renommierten Darstellerquintett. Vor harmlos-blauem Himmel und stets in luftigem Ambiente (Bühne: Raimund Bauer). Dort fahren Boris (Stephan Schad) und Andrea (Judith Rosmair) im „Mini“ mit offenem Verdeck für ein Schäferstündchen vor. Vorher will der fast insolvente Glasereibesitzer mit seiner Geliebten noch ins Restaurant — das ihm seine Frau Patricia einmal empfohlen hat. Beim Rangiermanöver fahren sie fast eine alte Frau (Angela Schmid) tot — ausgerechnet die Mutter des Lebensabschnittsgefährten Eric (Boris Aljinovic) von Patricias Freundin Francoise (Johanna Christine Gehlen). Doch zu fünft geht man dann ins Lokal — und bald fliegen die Dialogfetzen.

Von „Bella Figura“ — der Schönheit der gewahrten Form — kann hier keine Rede sein. Schads Boris gibt den Macho als kantigen, hibbeligen Klotz von grauem Anzugträger, der die Fäuste in die Hüften stemmt und grimmig prahlt: „Ich mach' mir die Mühe, dich in ein Restaurant einzuladen!“ Rosmairs hypernervöse, tiefenenttäuschte Andrea trägt trotz mittleren Alters zwar supersexy Klamotten und reizt Boris mit einem vielleicht fingierten jungen Liebhaber. Doch sie bekennt in Wort und Blicken zugleich ihre Sehnsucht nach Beständigkeit. „Man müsste sein Leben lang einen haben, der uns beschützt und auf uns aufpasst“, seufzt sie. „Ja, und wenn man's dann macht, seid ihr genervt“, kontert Eric trocken.

Klaren Blick signalisiert gelegentlich  die von Demenzschüben heimgesuchte Mutter Yvonne. „Wissen Sie, meine Liebe, man kann auch so tun, als ob. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich so tue, als sei alles friedlich“, bekennt die alte Dame selig. Und verströmt dabei den Zauber von Zeiten, in denen die Leute bestimmt  nicht besser waren, aber ihre Contenance zumal in Frankreich ein wenig geschickter zu wahren wussten. Derlei kann man auch vom lüsternen Eric nicht behaupten. „Und Sie halten hier die Schnauze“, platzt es schon mal aus ihm heraus. Am Ende wird natürlich nicht alles gut.

Vorstellungen bis 8. Februar,

Ticket-Hotline 040/47110666

Ulrike Cordes

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