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Ein Bösewicht wird zum tragischen Helden

Ein Bösewicht wird zum tragischen Helden

Umjubelte Uraufführung der „Wolfsschlucht“ als Crossover-Collage bei den Eutiner Festspielen – Leider nur eine Aufführung.

Eutin. Der Wettergott hatte ein Einsehen mit den Eutiner Festspielen: Knapp vor Vorstellungsbeginn hörte der Dauerregen auf, und die mit Spannung erwartete Uraufführung der „Wolfsschlucht“ als Crossover- Collage konnte über die noch gefährlich nassen Bretter der Seebühne gehen. Dirigent Leo Siberski hatte sich gemeinsam mit dem Komponisten Peer Baierlein Carl Maria von Webers „Freischütz“ angenommen und den Plot ein wenig aufgepeppt. Webers Musik blieb für die einmalige Aufführung unangetastet, ein paar hinzugefügte Takte und Sounds erinnerten an Musicals, und die mit allerlei elektronischen Klängen unterfütterten Sprechpassagen gewannen gelegentlich abgründige Dimensionen. Der wichtigste Eingriff ins Original war die Verlagerung des Interesses vom Antihelden Max zu seinem betrogenen Jägerkollegen Caspar, der während allzu langer Soldatenzeit seine Freundin Agathe just an diesen Max verloren hat.

Siberski hat dafür neue Dialoge und Szenen erdacht. Caspar wird zum verzweifelten Verlierer, der seinem alten Kumpel Max den Teufel an den Hals wünscht. Und dieser Teufel, der bei Weber als „Samiel“

nur einen Miniauftritt hat, ist hier eine omnipräsente, zynisch die Fäden ziehende Mephistophela, die als verführerische Halbwelt- Prolette letztlich sogar den berühmten Freikugel-Hokuspokus ad absurdum führt.

Gesungen und gespielt wurde höchst engagiert, der Klang der Kammerphilharmonie Lübeck war allerdings wegen einer schallschluckenden Regenabdeckung des Orchestergrabens sehr gedämpft. Siberski und die Seinen sorgten jedenfalls für knackigen Hörnerklang, feine Cellokantilenen sowie groovenden Musicalsound. Katja Bördner als sehr heutige Agathe punktete mit unangestrengt flutender Höhe, Tobias Haaks als tumber Max lieferte ohne tenorale Protzerei seine gefürchtete Verzweiflungsarie ab. Milana Butaeva war als Frau Teufel eine bühnenbeherrschende, lasziv-dämonische Protagonistin. Bassbariton Manos Kia nutzte die Umdeutung der Caspar-Rolle, um mit souveräner Bühnenpräsenz den tragischen Helden des Abends zu geben. Viel Beifall zur späten Stunde am Ufer des Großen Eutiner Sees.

Detlef Bielefeld

LN

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