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Ein Chor der Kulturen

Ein Chor der Kulturen

Frankfurt/Main. Mit mehr als 130 Autoren und 500 Übersetzungen aktueller Titel stellt sich das Gastland Frankreich von heute an bis zum kommenden Sonntag auf der Buchmesse in Frankfurt vor. Es ist ein literarischer Chor aus vielen frankophonen Stimmen – selten klang er so politisch wie heute.

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Sabri Louatah.

Quelle: Foto: Verlag/hfr

Es sind preisgekrönte Namen und große Stimmen, mit denen sich die „Grande Nation“ in diesem Bücherherbst zu Gehör bringt, und sie stehen für einen Kulturraum, der sich weit über die Grenzen Frankreichs hinaus erstreckt und weit zurückreicht in die Kolonialgeschichte des Landes. In ihr wurzeln die Unruhe und Verunsicherung einer nicht nur durch den Terror in ihrem Fundament erschütterten Gesellschaft. Frankreich ist in viele Stimmen zersplittert wie eine multiple Persönlichkeit, die nach dem Kern ihrer Identität sucht.

Deutlich zu hören ist das in Virginie Despentes’ Roman „Das Leben des Vernon Subutex“. Die Autorin hatte mit ihrem Mitte der Neunziger publizierten Skandal-Roman „Baise-moi“ (direkt übersetzt lautet der Titel „Fick mich“; in Deutschland erschien das Buch allerdings unter dem Titel „Wölfe fangen“) eine Pornografiedebatte ausgelöst. Jetzt legt sie einen Gesellschaftsroman vor, der die Gemütsverfassung dieses Landes erfasst wie kaum ein anderer. Das gelingt ihr, indem sie ihre Hauptfigur während ihres Abstiegs aus der Mitte der Gesellschaft bis auf die Straße bei früheren Freunden und Freundinnen Unterschlupf finden lässt.

Vernon Subutex ist ein Sohn der Rock- und Popkultur der 80er Jahre. Mit einem Plattenladen hat er sich eine ausreichend komfortable Nische eingerichtet, bis ihm die Krise und Digitalisierung der Musikindustrie die wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz zerschlägt und Subutex seine Wohnung verliert. Er zieht durch Paris, von Sofa zu Sofa, durch die Leben und Wohnungen alter Bekannter, und immer dort, wo Subutex sich einquartiert, wechselt der Roman die Perspektive und erzählt aus der Sicht der jeweiligen Gastgeber. Despentes schafft auf diese Weise einen vielstimmigen Resonanzraum der französischen Hauptstadt, indem sie die vielfältigen Stimmen des Pariser Bürgertums erklingen lässt.

Der Drehbuchautor Xavier ist da zu hören, ein Rassist und Antisemit unter dem dünnen Firnis des sorgenden Familienvaters. Die 19-jährige zum Islam konvertierte Aisha, Einwandererkind zweiter Generation. Die Drogen und Männer konsumierende Musikjournalistin Lydia, deren Einkünfte sie kaum über Wasser halten. Laurent, ein 50-jähriger Filmproduzent, der das Geld liebt und die Macht und dem jedes Mittel recht ist, seinen Status zu festigen. Despentes’ Figuren sind Bürger einer narzisstischen Konsumgesellschaft, die all jene an den Rand drängt oder ausspuckt, die ihren Platz darin nicht behaupten.

Von denen, die an der Peripherie leben – in den Pariser Banlieues – erzählt der 34-jährige Sabri Louatah in seinem Romanzyklus „Die Wilden“, dessen erster Band, „Eine französische Hochzeit“, jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Wilden, das ist die algerische Großfamilie Nerrouche, ein lauter turbulenter Clan, der am Abend der französischen Präsidentschaftswahlen die Hochzeit eines jungen Cousins feiert. Herausforderer Nicolas Sarkozys ist erstmals ein arabischer Kandidat: Idder Chaouch, der an diesem Abend beinahe Opfer eines Attentats wird. Im Visier der Ermittler steht bald der Nerrouche-Clan.

Sabri Louatah, Sohn algerischer Einwanderer in dritter Generation und nach eigener Aussage geprägt von den Unruhen in den Pariser Banlieus Anfang der 2000er Jahre, erzählt vor diesem Hintergrund überbordend und sprachgewaltig von der Geschichte und Kultur einer maghrebinischen Familie und zeigt die Entwicklung einiger ihrer Mitglieder – von der Anpassung bis zum Terrorismus. „Die Franzosen wandeln die multikulturelle Realität lieber in eine religiöse Frage um“, sagt Louatah. „Deshalb gibt es auch viele Debatten über die Laizität und den Islam. Diese drehen sich aber um einen leeren Kern, denn die Kolonialgeschichte wird in Frankreich als eine lebendige Vergangenheit, eine nicht verheilte Wunde beschrieben.“

Wie das Herrschaftsdenken der Kolonisatoren bis heute das Verhältnis der Europäer – nicht nur der Franzosen – zu den Einwanderern aus anderen Kulturkreisen prägt, beschreibt augenfällig der Roman „Die Großmächtigen“. Hédi Kaddour, ein französischer Schriftsteller mit tunesischem Vater, hat die Handlung in einem nordafrikanischen Städtchen zu Beginn der 1920er Jahre angesiedelt. Dort regeln die Kolonialfranzosen das Leben gemäß ihren Maßstäben und Interessen. Das gelingt nach außen scheinbar einvernehmlich, doch unter der Oberfläche gärt es. Und als ein amerikanisches Filmteam Unruhe schürt, kommt es zum Aufstand gegen die „Großmächtigen“ . . . Ein früher Clash der Kulturen.

Der Buchmarkt

Allein in Frankreich leben rund 55000 französisch schreibende Autoren – ein bedeutender Markt. Jährlich erscheinen durchschnittlich mehr als 75000 Titel. Tendenz steigend.

Bis zu 4000 Verlage, darunter renommierte Häuser wie Gallimard, Flammarion und Seuil, haben im Jahr 2015 mehr als 436 Millionen Bücher für rund 2,5 Milliarden Euro verkauft. Dabei teilten sich rund 30 Häuser den Löwenanteil von etwa 90 Prozent am Gesamtumsatz. Die Buchindustrie nimmt damit als Wirtschaftsfaktor den ersten Platz innerhalb der Kultur ein. Mit jeweils 40 Verlagen beherrschen die Gruppen Hachette und Editis den Markt.

Von Regine Ley

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