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Ein Dichter mit Gitarre

Lübeck Ein Dichter mit Gitarre

Immer wieder war Bob Dylan für den Literaturnobelpreis gehandelt worden. Jetzt hat er ihn bekommen. Aber nicht alle sind begeistert.

Lübeck. Lübeck. „Ja“, sagte Heinrich Detering, „Bob Dylan hat den Nobelpreis schon verdient. Nur, er braucht den Nobelpreis nicht. Aber dem Nobelpreis täte Dylan gut.“

 

LN-Bild

Mal gut gelaunt: Bob Dylan vor fünf Jahren bei einem Konzert in den USA.

Quelle: Torsten Blackwood/afp

Sechs Jahre ist das her, der Göttinger Germanist und Dylan-Kenner von Rang war inzwischen an die Frage gewöhnt und hatte sie in einem Gespräch mit den „Lübecker Nachrichten“ mit einer schönen Wendung beantwortet. Jetzt hat es Bob Dylan tatsächlich getroffen. Immer wieder war sein Name gehandelt worden auf den Nobel-Gerüchtebasaren in den letzten Jahren. Immer wieder stand er auf der Shortlist für den Eintritt in die heiligen Hallen der Literatur. Und dann hat die Stockholmer Akademie gestern Morgen wirklich angerufen und die Tür aufgemacht.

In der vergangenen Woche hatte Dylan noch bei einem Festival in der Wüste von Kalifornien gespielt. Es war ein Veteranentreffen, eine Versammlung des grau gewordenen Rockadels. The Who waren dabei und die Rolling Stones, Neil Young und Paul McCartney, Roger Waters und eben auch Bob Dylan. Er ging wie immer auf die Bühne, sagte nicht mal Hallo, spielte seine Songs, und dann war er wieder verschwunden.

So hat er es meist gehalten all die Jahre. Er schaute kurz vorbei, sang, was zu singen war, und zog wieder seiner Wege. Er fand, dass das reichen musste. Die großen Gesten und den faulen Zauber, all die Pfauenräder, das überließ er anderen. Vielleicht waren die kargen Gastspiele auf der Bühne seine Pfauenräder. Vielleicht war es das, was er für angemessen hielt für einen Mann von den großen Seen oben an der Grenze zu Kanada, für einen „song and dance man“, als den er sich 1965 beschrieb. Denn das eigentlich Spektakuläre spielte sich ja in dem ab, was er zu sagen hatte in seinen Songs.

Für viele ist das nicht spektakulär genug. Für Denis Scheck zum Beispiel, einen erprobten Literaturkritiker und eigentlich immer auch zu haben für die schmalen Pfade abseits der breiten Wege. Jetzt aber konnte er dem Bericht der schwedischen Akademie nicht folgen. Ein Witz sei das, sagte er, „ein Späßken“. Aber am besten, man lache mit. Auch der rumänische Autor und Dylan-Übersetzer Mircea Cartarescu war nicht eben begeistert. Es tue ihm „so leid um die wahren Schriftsteller“, schrieb er. Und der britische Romancier Irvine Welsh („Trainspotting“) befand: „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter NostalgiePreis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabberner Hippies.“

Da sprach ein Dünkel aus den Kommentaren. Da fand man, dass Dylan nicht gut aufgehoben sei in einer Reihe mit Ernest Hemingway, Albert Camus und Samuel Beckett, mit Gerhard Hauptmann, Thomas Mann und Günter Grass. Und vielleicht fühlt sich Dylan selbst nicht ganz wohl in dieser Gesellschaft. Klar aber ist, dass man mit ihm wohl den bekanntesten Literaturnobelpreisträger seit Winston Churchill ehrt, also seit 1953. Und klar ist auch, dass es sich um ein Statement der Stockholmer Jury handelt.

Mit Dylan schließt sie den Pop an die Literatur an. Mit seiner Wahl sagt sie, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem, was gemeinhin als Unterhaltung und als ernstes Fach bezeichnet wird. Sie schlägt eine Brücke zur großen Masse jener, deren Lebenswirklichkeit viel mit Bob Dylan zu tun hat, aber wenig mit Jean-Marie Gustave Le Clézio, Tomas Tranströmer, Patrick Modiano oder anderen Preisträgern der vergangenen Jahre. Das mag nicht nur Denis Scheck als Kniefall vorm Zeitgeist erscheinen. Aber man übersieht dabei leicht, mit wem man es zu tun hat.

Dylan hat sich immer auch als Archäologe verstanden. Er hat tief in den ganz großen Gräberfeldern gesucht. Er hat William Shakespeare und Petrarca studiert, Ovid und Homer. Aber ebenso Leadbelly und Howlin’ Wolf, Woody Guthrie natürlich, alte Männer des Blues und des Folk also, die mindestens ebenso viel über das Leben, den Tod und dem ganzen Rest dazwischen zu erzählen hatten wie die Heroen.

Er hat das alles verbunden und – wie Shakespeare oder Thomas Mann – daraus Neues entstehen lassen. Er war Anfang zwanzig, als er in kurzer Folge Songs aus dem Ärmel schüttelte, die heute zur klassischen Moderne zählen. Und er ist 75 jetzt und immer noch unterwegs, betritt irgendwo eine Bühne, singt, was zu singen ist, und zieht wieder seiner Wege. In Washington geht nach acht Jahren der erste farbige Präsident in den Ruhestand, Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis bekommen, the times they are a-changin’.

• Bob Dylan als Autor:

„Bob Dylan. Lyrics“ , Hoffmann und Campe 2004, 1152 S., 20 Euro

„Chronicles – Volume one“ , Hoffmann und Campe 2004, 304 S., 22 Euro

„100 Songs & Bilder“ , herausgegeben von Bob Dylan, Bosworth 2010, 500 Seiten, 39,95 Euro

Once upon a time you dressed so fine

You threw the bums a dime in your prime, didn’t you?

People’d call, say, „Beware doll, you’re bound to fall“

You thought they were all kiddin’ you

You used to laugh about

Everybody that was hangin’ out

Now you don’t talk so loud

Now you don’t seem so proud

About having to be scrounging for your next meal

How does it feel

How does it feel

To be without a home

Like a complete unknown

Like a rolling stone?aus „Like A Rolling Stone“

Übersetzung:

Früher mal warst du so elegant gekleidet,

Hast in deiner großen Zeit den Bettlern ein paar Cent hingeworfen, war’s nicht so?

Die Leute sagten: „Vorsicht, Puppe,

mit dir geht’s bergab.“

Du aber hast dir gedacht,

dass sie nur Spaß machen

Du hast über jeden gelacht,

der nur so herumhing

Nun bist du nicht mehr so vorlaut.

Nun scheinst du nicht mehr

zu stolz zu sein,

Dir dein Essen zu schnorren

Wie ist das für dich

Ohne ein Zuhause zu sein

Wie eine völlig Unbekannte

Wie ein ruheloser Stein?

Peter Intelmann

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