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Ein Dorf sucht seine Melodie

Ein Dorf sucht seine Melodie

Mit dem Stück „Wie im Himmel“ im Ratzeburger Domhof gelingt Laiendarstellern vom „Theater im Stall“ ein berührendes Stück über die Kraft der Musik.

Ratzeburg. Laut kichernd kommen vier Klatschweiber auf die Bühne. „Was für ein Mistwetter!“ ruft die eine. „Eigentlich war doch erst für morgen Regen angesagt!“ Im Originaltext heißt es zwar „Schnee“, aber aus aktuellem Anlass gönnen sich die Darsteller schon mal eine Anspielung auf das derzeitige Mistwetter, das allen Open-Air-Veranstaltungen in diesem Sommer zu schaffen macht. Nachdem die Premiere des Stückes „Wie im Himmel“ im Innenhof des Ratzeburger Doms wegen Gewitterregens abgebrochen werden musste, nehmen Besucher und Darsteller gelegentliche Güsse inzwischen mit Gelassenheit.

Zum vierten Mal bereits hat das „Theater im Stall“ aus Neu-Horst vor der Dom-Kulisse ein Open-Air- Theater inszeniert. Das aktuelle Stück „Wie im Himmel“ beruht auf Kay Pollaks gleichnamigem Kinoerfolg. Regisseurin Maren Lubenow hat danach ein Drehbuch geschrieben, das sich stark an die Vorlage anlehnt und mit mehr als zwei Stunden viel von den Darstellern und Zuschauern verlangt.

Erzählt wird die Geschichte des Stardirigenten Daniel Daréus, der nach einem Herzinfarkt in sein kleines Heimatdorf in Nordschweden zurückkehrt. Als Kind wurde er von den Dorfkindern gehänselt und verprügelt. Dort will er sich nun zur Ruhe setzen, übernimmt dann aber doch den Kirchenchor – und bringt damit das Leben der Dorfbewohner grundlegend durcheinander.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, an dem 21 Laiendarsteller aus dem Herzogtum Lauenburg und Hamburg seit dem Frühjahr gearbeitet haben – ihnen ist ein berührendes Stück über die Kraft der Musik gelungen. In dem kleinen Chor sind die unterschiedlichsten Typen versammelt: der Macho und der Macher, die Zurückhaltende, die Tratschtante, die Dorfschöne, der gemobbte Dicke, die Tatkräftige, die Frustrierte, der geistig Behinderte, die tüdelige Alte. Personal, das einem bekannt vorkommt – Nordschweden ist überall. Mit Daniels neuen Anspruch an die gemeinsame Musik muss jeder seine Rolle neu definieren und sich alten Konflikten stellen. Das gelingt den Darstellern glaubhaft, ohne die Figuren bloßzustellen. Sicherlich sind die Unterschiede zwischen erfahrenen Darstellern und Theaterneulingen auf der Bühne zu spüren, was Bühnenpräsenz und Timing betrifft, doch das spielfreudige und gut aufeinander eingestimmte Ensemble erzählt die Geschichte dieser Figuren insgesamt authentisch und mitreißend.

In der Hauptrolle des Daniel Daréus glänzt Jörn Bansemer. Er vermag mit oft nur sparsamen Gesten die Gefühle des Mannes auszudrücken, der alles über Musik, aber nichts vom Leben und der Liebe weiß.

Der einerseits am Chor verzweifelt, weil Feiern mitunter wichtiger als Singen ist, andererseits glücklich ist über die Zuneigung, die ihm diese Menschen entgegenbringen. Mit der erst 26-jährigen Sarah Manske, die seine lebenslustigen Freundin Lena spielt, hat Bansemer eine erfrischende Partnerin zur Seite.

Ein anderer Mann im Wechselbad der Gefühle ist zu erwähnen: der Dorfpastor als dogmatischer Kirchen- und Ehemann, der sich seiner Armseligkeit durchaus bewusst ist. Eckhard Neitzel, seit 24 Jahren auf der Bühne, stellt diesen Konflikt ergreifend dar. Als seine Ehefrau, die sich am Ende von ihm abwendet, ist die erfahrene Theaterfrau Angela Bertram eine starke Partnerin auf der Bühne. In ihrer Rolle als misshandelte Ehefrau Gabriella und als Solistin überzeugt Christina Sophie Meier, die auch die musikalische Leitung hat und vor drei Jahren im „Sommernachtstraum“ die Helena spielte. Eine Gratwanderung ist die Darstellung behinderter Menschen auf der Bühne. Nico Hofmann spielt den geistig zurückgebliebenen Thore so sympathisch und unaufgeregt, dass es nie peinlich wird.

Reichlich Konfliktstoff bietet dieses Stück, doch die vier Klatschbasen, die das Dorfgeschehen kommentieren, die schwerhörige, aber pfiffige Oma Olga (herzhaft gespielt von der erst 49-jährigen Claudia Niemann) und viele musikalische Einlagen sorgen für lustige und anrührende Momente. Und am Ende darf man selbst mitsummen, wenn die Gemeinschaft ihre ganz eigene Melodie gefunden hat. Sehr zu empfehlen für einen anregenden, unterhaltsamen Sommerabend – mit oder ohne Regenponcho.

Petra Haase

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