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Ein Feind des rechten Winkels

Wedel Ein Feind des rechten Winkels

Das Barlach-Museum in Wedel bei Hamburg stellt Arbeiten von Friedensreich Hundertwasser aus.

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Etwa 120 Hundertwasser-Arbeiten sind im Wedeler Ernst-Barlach-Museum zu sehen. Barlach ist in dem Haus in der Mühlenstraße 1870 zur Welt gekommen.

Quelle: Fotos: Axel Heimken/dpa (2)

Wedel. Wedel. Wasser ist eines seiner großen Themen. Egal, ob es aus dem Himmel fällt oder sich als Meer ausbreitet, ob es still als Fluss vorüberzieht oder sich noch stiller als Träne im Augenwinkel sammelt. Wasser, sagte er, war für ihn „ein Fluchtweg, der immer offen bleibt“. Deshalb auch hat er sich in den Sechzigerjahren ein Segelschiff namens „Regentag“ umbauen lassen und ist losgefahren. Und deshalb vielleicht auch ist aus Friedrich Stowasser Friedensreich Hundertwasser geworden, einer der bekanntesten Malernamen des vergangenen Jahrhunderts.

LN-Bild

Das Barlach-Museum in Wedel bei Hamburg stellt Arbeiten von Friedensreich Hundertwasser aus.

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Im Ernst-Barlach-Museum in Wedel bei Hamburg ist derzeit eine Ausstellung mit seinen Arbeiten zu sehen. Rund 120 Lithografien und Holzschnitte hängen dort, Plakate, Serigraphien und andere Werke.

„Wege ins Paradies“ heißt die Schau, und was nach einer eher esoterischen Veranstaltung klingt, ist bei Hundertwasser sehr ernst gemeint.

Sein Malen ist organisch, seine Lehrmeisterin die Natur. Für ihn ist Ornament kein Verbrechen, sondern die Lösung. Ein Verbrechen sei vielmehr „die Benutzung des Lineals“, sagte er. „Schon das Beisich-Tragen einer geraden Linie müsste, zumindest moralisch, verboten werden.“ Er hält die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten schlicht für „gottlos“.

Hundertwasser ist ein Feind des rechten Winkels. Sein Strich nimmt nicht den direkten Weg, sondern mäandert vor sich hin. Seine Kunst ist etwas schief ins Leben gebaut, so würde Ringelnatz das wohl nennen. Aber sie ist voller Staunen und Demut größeren Dingen gegenüber.

Und es ist viel los in seinen Werken. Es gibt viel zu sehen auf diesen bunten Wimmelbildern voller Kästchen und Zwiebeltürme, voller Münder und Augen. Linien winden sich und liegen eng beieinander.

Es tauchen immer wieder Schnecken und Spiralen auf, weil Spiralen für ihn das Leben und den Tod symbolisieren und das ganze Leben ohnehin „in Spiralen vor sich“ gehe. Und es leuchtet in den Bildern, weil er immer wieder glänzende und spiegelnde Elemente auftauchen lässt.

Hundertwasser war aber nicht nur Maler und Grafiker. Er befasste sich seit den Fünfzigerjahren auch mit Architektur und erwies sich dabei als ein Bruder im Geiste des spanischen Baumeisters Antoni Gaudí. Wo das Bauhaus auf exakte Linien setzte, verhalf er dem Krummen und Ungelenken zu seinem Recht. Jeder müsse bauen können, wie er will, schrieb er in einem Manifest. Und wenn die Neubauten einstürzten, wäre das hinzunehmen: „Man soll und darf sich vor Menschenopfern nicht scheuen.“

Einige seiner Entwürfe wurden auch realisiert. Ein Wohnhaus in Wien, eine Kirche in der Steiermark, eine Autobahnraststätte, ein Kraftwerk. In Deutschland hinterließ er Spuren mit einem Kindergarten in Frankfurt, mit Gebäuden in Darmstadt und Magdeburg, mit einem Bahnhof im niedersächsischen Uelzen.

Und immer musste er sich anhören, dass er auf dem schmalen Grat zum Kitsch längst den Halt verloren habe. Kritiker sprachen von „Beulenpest“ und „Krebsgeschwür“, es war ein lautes Heulen in der Architektenschaft. Trotzdem würdigte ihn das Deutsche Architekturmuseum nach seinem Tod mit einer Werkschau.

In der Wedeler Ausstellung sind Fotos einiger Gebäude zu sehen, ebenso Alltagsgegenstände, die Hundertwasser entworfen hat. Eine Teekanne samt Stövchen steht da hinter Glas wie eine große Schnecke, eine Schale, Bücher, die Bibel. Oben im ersten Stock hängt eine Arbeit mit den Buchdeckeln einer Brockhaus-Ausgabe, die er gestaltet hat. Aneinandergefügt ergeben sie ein Ganzes, verbunden durch schwarze Linien. Und zwar verschlungen und mäandernd. Hundertwasser-Linien eben.

Die Ausstellung „Wege ins Paradies“ läuft bis Ende Februar 2017. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 8 Euro.

Die Nazis überlebt

Friedensreich Hundertwasser wird 1928 in Wien geboren. Seine Mutter ist Jüdin, er selbst das, was die Nazis „Halbjude“ nennen. Sein Status hilft beiden, den Krieg und das Dritte Reich zu überleben. Seine Großmutter aber und mehr als 80 Mitglieder seiner Familie werden deportiert und ermordet.

Nach dem Abitur schaut er nur kurz bei der Kunstakademie vorbei, reist statt dessen viel und wird zum Maler. Er entwickelt einen ganz eigenen Stil und hat Erfolg mit seiner Kunst.

Mitte der Siebzigerjahre kauft er in Neuseeland 190 Hektar Land und erwirbt später auch die neuseeländische Staatsangehörigkeit. Er stirbt im Jahr 2000 während einer Fahrt an Bord der Queen Elizabeth II. und liegt auf dem Anwesen in Neuseeland begraben.

Peter Intelmann

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