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Ein Fest der Weltstars und der aufwühlenden Töne

Lübeck Ein Fest der Weltstars und der aufwühlenden Töne

Wiener Philharmoniker, Martin Grubinger und Lorin Maazel: Es war eines dieser Konzerte, nach denen diejenigen, die dabei waren, der Überzeugung sind, dass diejenigen, die nicht dabei waren, das bedeutendste Kulturereignis des Jahres verpasst haben. Und das mit vollem Recht.

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Er reißt sein Publikum immer mit, selbst wenn er Neue Musik spielt: Multiperkussionist Martin Grubinger beim Konzert in Lübeck.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Lübeck. Nach dem Musikfestival gab‘s den Höhepunkt des SHMF in der MuK. Zum einen waren da die Wiener Philharmoniker. Nach Auskunft von Lübeckern, die es wissen sollten, gastierte das 170 Jahre alte Orchester zum ersten Mal an der Trave. Rolf Beck, scheidender Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, ließ verlauten: „Alle großen Orchester der Welt sind in 28 Jahren beim SHMF aufgetreten; nur die Wiener fehlten.“ Zwei Wochen nach Festivalende kamen auch sie, Beck darf sich dieses Verdienst noch zuschreiben.

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Keine Spur von Alterswut: Lorin Maazel dirigierte feinfühlig.

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Zum anderen war da Lorin Maazel (83). Den US-Amerikaner und derzeitigen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker darf man mit Fug und Recht als Weltstar bezeichnen, auch er war nun zum ersten Mal in Lübeck. Maazel, der bereits in jungen Jahren als „Wunder des Jahrhunderts“ gefeiert wurde, ist auch Banausen bekannt, weil er regelmäßig fremd geht und die Neujahrskonzerte der Wiener dirigierte. Das Fernsehen überträgt die Matineen in mehr als 70 Länder.

Und zum Dritten war da Martin Grubinger. Er ist alles andere als ein Lübeck-Novize, aber eines gewiss: Der 30 Jahre alte Perkussionist aus Österreich ist eine der einnehmendsten Musikerpersönlichkeiten seiner Generation. Er brachte ein Konzert für Schlagzeug und Orchester mit, das er bei Friedrich Cerha (87) in Auftrag gegeben hatte, bei einem Komponisten also, der zwar zur Avantgarde zählt, sich aber der Wiener Tonsetzertradition verpflichtet fühlt.

Das Schlagzeug-Konzert stellte das Publikum in der gut gefüllten Musik- und Kongresshalle vor eine Herausforderung. Wer den berühmten Wiener Streicherschmelz erwartete, wurde enttäuscht. Es wurde laut. Auch das Orchester war gut bestückt mit Schlagwerk, was aufwühlende Dialoge ergab. Grubinger hatte drei Positionen zu bespielen, im ersten Satz vor allem kleine Trommeln, die auf ein Grollen der großen Trommel im Orchester antworteten. Geschmeidig ließ der Solist seine Wirbel und Attacken auf die Jazzfanfaren der Blechbläser und Kaskaden der Bässe los. Im zweiten Satz kamen dann endlich die Streicher zu ihrem Recht, sie breiteten einen Teppich mit dünnem Flor aus, Grubinger wechselte zum Vibrafon und anderen Metallofonen, Gongs und Klangschalen. Wenn er die Batterie der Kuhglocken bespielte, klang es wie ein Kinderspiel an Weihnachten. Während Maazel wie ein Metronom das Konzert durchschlug und kaum Regung zeigte, fixierte Grubinger den Dirigenten, grinste vor Vergnügen und Freude am Gelingen.

Dann war das Xylofon dran, ein Duell mit dem Xylofon-Spieler im Orchester. Man meinte, E-Gitarren zu hören — doch es waren die Holzbläser, die die Töne zogen. Am Schluss kehrte die Komposition zum Anfang zurück und Grubinger zu den Trommeln. Die Töne versiegten — bis zum brachialen Schlussakkord, nach dem der Solist wie angewurzelt an seinen Buckelgongs verharrte.

Vieles klang zufällig, improvisiert, ist aber exakt notiert — sogar die Tonhöhe der Trommeln hat Cerha festgelegt. Auch deshalb sagt Grubinger über das Konzert, es gehöre zum Schwersten, was er kenne, und manche Stellen seien „purer Kampf“. Das ließ er sich nicht anmerken. Wieder gelang es ihm, das Publikum mit seiner Begeisterung anzustecken.

Den überwältigenden Applaus quittierte Grubinger mit einer rasanten Samba auf dem Vibrafon. Und er vergaß nicht, seinem Mentor Rolf Beck für die zahlreichen Einladungen zum SHMF zu danken. Das war‘s noch nicht an diesem Abend. Die Philharmoniker ließen zusätzliche Pulte auf die Bühne stellen für die zweite Halbzeit mit der 5. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Da hatten die Orchesterleute endlich den Auslauf, den sie brauchen, um zu beweisen, dass sie die besten des Erdteils sind. Das schroffe Werk von 1937, als Klage mit heroischen, aber gebrochenen Gesten konzipiert, das diabolische Fratzen sichtbar macht, aber auch Momenten von beißender Ironie und schöner Schlichtheit kennt — dieses sinfonische Gebirge erklomm das Orchester mit Eleganz und sicherem Schritt.

Von Lorin Maazel hieß es zuletzt, er neige „zu einer Alterswut auf dem Podium“ („Spiegel“). Davon war in Lübeck nichts zu sehen und zu hören. Er diente dem Klang und ließ das Publikum dann doch noch hören, was die Wiener so berühmt macht: Klassisch- Romantisches. Als Zugabe gab‘s das Vorspiel zu „Ruslan und Ludmilla“ von Michail Glinka. Brillant. Ein Fest für diejenigen, die es erleben durften.

Tradition und Marotten
Die Wiener Philharmoniker halten viel von Tradition — schließlich residieren sie seit 170 Jahren in der „Hauptstadt der Musik“. Das selbstverwaltete Orchester pflegt Richard Strauss zu zitieren: „Die Philharmoniker preisen heißt Geigen nach Wien tragen.“ Die Tradition gebar auch Marotten: Die Hornisten spielen das heller klingende „Wiener Horn“, die Klarinettisten die spezielle „Wiener Klarinette“, auch Oboe, Fagott, Trompete und Posaune sind Spezialanfertigungen, was den feinen Orchesterklang ergeben soll. Noch eine Besonderheit: Erst seit 1997 nehmen die Philharmoniker Frauen auf.
„Einige Stellen des Cerha-Konzerts sind purer Kampf für den Solisten.“
Martin Grubinger

Michael Berger

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