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Ein Festival über das Ankommen

Lübeck Ein Festival über das Ankommen

Das Theater Lübeck bietet eine Woche lang Stücke über Schicksale von Flüchtlingen.

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Wo geht’s zur neuen Heimat? Plakatmotiv des Theaters Lübeck zu seinem kleinen Festival im Studio.

Quelle: Fotos: Tl, Lutz Roeßler

Lübeck. Im Jungen Studio des Theaters dreht sich ab Sonnabend alles um das Thema Flucht und Ankommen. „Finding a place“ lautet der Titel des Festivals – einen Platz zu finden war nach Ende des Zweiten Weltkrieges für Millionen Flüchtlinge und Vertriebene ebenso eine Notwendigkeit wie für die heutigen Flüchtlinge, die unter Mühen und Gefahren Terror und Krieg in ihren Heimatländern entgehen wollen.

LN-Bild

Das Theater Lübeck bietet eine Woche lang Stücke über Schicksale von Flüchtlingen.

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Die Veranstaltungen

Sonnabend, 18. Juni, 19 Uhr: „Wir sind hier“ und „Fremd bin ich eingezogen“.

Sonntag, 19. Juni, 17 Uhr: „Coming of Age“, Gastspiel des Berliner Theaters an der Parkaue.

Montag, 20. Juni, 20 Uhr: Talkabend über das Ankommen.

Dienstag, 21. Juni, 19 Uhr: Wiederholung vom 18. Juni.

Donnerstag, 23. Juli, 19 Uhr: Theaterprojekt der Baltic-Schule.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Bevölkerungszahlen Schleswig-Holsteins und auch Lübecks nahezu verdoppelt“, sagt Knut Winkmann, im Theater für das Festival verantwortlich. „Wir starten daher mit einer doppelten Premiere unserer Bürgerbühne. In ,Wir sind hier‘ berichten drei junge Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und Afghanistan über ihr Schicksal. Das zweite Bürgerbühnenstück heißt ,Fremd bin ich eingezogen‘, Bürgerinnen und Bürger berichten darin, wie sie nach 1945 ihren neuen Platz zum Leben fanden.“

Unterstützt wird das Festival von der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung, der Kulturstiftung des Landes und der von Keller-Stiftung. Für die Kulturstiftung des Landes begründete Brigitte Hohmann die Entscheidung, sich finanziell an diesem Projekt zu beteiligen: „Die Flüchtlingsproblematik betrifft uns alle, die Parallelen zur Situation nach 1945 sind unübersehbar. Deshalb begrüßen wir als Kulturstiftung diese Initiative des Theaters Lübeck, allen Generationen die Möglichkeit zu bieten, sich zu diesem Thema zu äußern.“

Die problemlose Aufnahme von Millionen Geflohenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ist eine der wichtigsten „Meistererzählungen“ der Bundesrepublik. In solchen „Meistererzählungen“wird nationale Identität geschaffen, wobei der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen nur zweitrangig ist. Wie die historische Forschung mittlerweile nachgewiesen hat, verlief die Aufnahme der neuen Bürger alles andere als problemlos. Ausgrenzung, mangelnde Akzeptanz, teilweise offene Feindseligkeit: Damit mussten sich Geflohene und Vertriebene nach dem Verlust ihrer Heimat auseinandersetzen, ehe sie sich eine neue Heimat schaffen konnten. Das ist heute kaum anders, nur mit dem Unterschied, dass die damaligen Flüchtlinge Deutsche waren, es bestand zumindest keine Sprachbarriere wie heute bei Syrern oder Afghanen. Die DDR machte es sich mit den zahlreichen Neubürgern besonders einfach. Sie wurden „Umsiedler“ genannt, es war streng verboten, etwa über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei zu berichten.

Verdoppelung der Bevölkerungszahlen – das ist erst einmal nicht mehr als ein statistischer Wert. „Wir wollen die Geschichten dahinter sichtbar machen“, sagt Knut Winkmann. „Wir wollen die Betroffenen erzählen lassen, wie es sich anfühlt, in einer fremden Umgebung anzukommen, wie schwierig es war oder ist, sich neuen Umständen anzupassen.“ Winkmann, der selbst das Stück „Fremd bin ich eingezogen“

inszeniert, hat ungefähr ein Jahr lang mit jungen Geflohenen gearbeitet. Drei sind schließlich bei der Stange geblieben und werden bei der Premiere am Sonnabend mitwirken – wenn vielleicht auch nicht das Ende, dann zumindest jedoch ein wichtiger Haltepunkt in ihrer Odyssee, die die jungen Männer aus ihrer Heimat weg in den nördlichsten Teil Deutschlands gebracht hat.

Das Thema Flucht und Vertreibung wird bei dem Festival aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Das Erwachsenwerden junger Deutscher und junger Geflohener wird ebenso Thema sein wie die darstellerische Auseinandersetzung mit Begriffen wie Fremde, Familia und Heimat. „Das Theater bietet viele Möglichkeiten“, sagt Knut Winkmann. „Sie sind so vielfältig wie das Leben überhaupt.

Geschichten erzählen, Talkformate, Bürgerbühne, Experten des Alltags: All das wird in unserer Festival-Woche zu erleben sein. Aktueller kann Theater überhaupt nicht sein.“

Den Bogen schlagen von 1945 zu unseren heutigen Tagen, vergleichbare Entwicklungen aufzeigen, aber auch Lösungsmöglichkeiten anbieten, für Toleranz werben: Das ist Sinn und Zweck dieser außergewöhnlichen Theaterwoche, die hoffentlich gut besucht wird.

Jürgen Feldhoff

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