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Kultur im Norden Ein Feuerwerk an Klang und Ausdruck
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18:24 06.11.2013
Anne-Sophie Mutter (50) bei einem früheren Auftritt. Beim Konzert in Lübeck herrschte Fotografierverbot.
Lübeck

Anne-Sophie Mutter zu hören ist immer ein Erlebnis. Ob sie mit Orchester auftritt oder wie am Dienstag in der MuK nur mit ihrem Klavierbegleiter Lambert Orkis — völlig nebensächlich. Das Spiel dieser Geigerin, die den Sprung vom Wunderkind zur reifen Künstlerpersönlichkeit scheinbar mühelos geschafft hat, ist von einer Perfektion und von einem Glanz, der nur schwer zu übertreffen ist. Ob es nun Fritz Kreislers Corelli-Variationen waren oder Standardwerke des Repertoires wie César Francks Sonate in A-Dur: Immer war zu hören und zu erleben, wie tief Anne-Sophie Mutter die Werke gedanklich durchdrungen hat, auf welch tiefem Verstehen ihre Interpretation beruhte. Diese ganz persönliche Handschrift ist es, die sogar eine eigentlich längst abgegriffene Zugabe wie den 1. Ungarischen Tanz von Brahms so eigenwillig und interessant klingen lässt, als hätte man ihn noch nie gehört.

Ihre ganze Meisterschaft aber zeigte Anne-Sophie Mutter in den beiden modernen Werken des Abends. Anton Weberns vier Stücke für Violine und Klavier dauern nur knapp fünf Minuten — was die Künstlerin in dieser kurzen Zeit an verschiedenen Spieltechniken und Klang-Möglichkeiten zeigte, erreichen andere Violin-Solisten nicht in stundenlangen Konzerten. Intensiv klang dieses 1910 entstandene atonale Werk, ein emotionales Drama in vier sehr kurzen Sätzen, gleichzeitig einer der Höhepunkte des musikalischen Expressionismus. Die Gestaltungsmöglichkeiten, über die Anne-Sophie Mutter verfügt, scheinen unbegrenzt. In jedem der Stücke klang das Pianissimo ein wenig anders — schon das war atemberaubend, ebenso die Begleitung ihres langjährigen Klavierpartners Lambert Orkis. Hinzu kommt, dass Anne-Sophie Mutters Stradivari „Lord Dunn-Raven“ extremste Klänge erlaubt, sie kann brutal klingen und tatsächlich „wie ein Hauch“, so wie Webern es in seiner Partitur für die letzten Noten des vierten Stücks vorgeschrieben hat.

Witold Lutoslawskis Partita für Violine und Klavier war ebenfalls ein Werk, in dem sich die ganze Meisterschaft von Anne-Sophie Mutter erkennen ließ. Jenseits aller technischen Schwierigkeit spielte sie die kompliziertesten Passagen traumhaft schön und mit einer kaum zu fassenden Musikalität. Der alte und dumme Vorwurf gegen Neue Musik, sie sei zu verkopft und gefühlsarm, wurde hier Lügen gestraft. Das Feuerwerk der Klänge und der Ausdrucksmöglichkeiten, das sich vor allem in den „Ad libitum“ notierten Teilen zeigte, war überwältigend. Dagegen verblassten die Sonaten von Grieg und Franck etwas, hier klang das Spiel von Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis vor allem routiniert, das allerdings auf höchstem Niveau.

Das Publikum in der nicht ausverkauften MuK feierte Anne-Sophie Mutter mit Ovationen im Stehen, die Virtuosin gewährte drei Zugaben. Und so gab es nur ein Ärgernis an diesem Abend: das Programmheft.

Eine solche Aneinanderreihung falscher und unfreiwillig komischer Formulierungen hätte noch nicht einmal ein Hobby-Geiger verdient. Fel

Vom Wunderkind zum Weltstar
Anne-Sophie Mutter kam 1963 in Rheinfelden (Baden-Württemberg) zur Welt. Als Kind wurde sie von der Schulpflicht entbunden, sie erhielt private Schulstunden neben Klavier- und Geigenunterricht. Als 13-Jährige debütierte sie 1977 bei den Salzburger Pfingstkonzerten mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan. Seit 1988 ist der amerikanische Pianist Lambert Orkis ihr ständiger musikalischer Begleiter. Mit ihm hat sie die Violinsonaten von Beethoven eingespielt, die Aufnahme wurde mit einem „Grammy“ ausgezeichnet. Mutter spielt eine Stradivari namens „Lord Dunn-Raven“ von 1710.

LN

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