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Kultur im Norden Ein Gesichtsverlust
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20:18 21.09.2013

Die Unfähigkeit zu lieben ist ein wiederkehrendes Motiv bei Peter Stamm. Auch sein Roman „Nacht ist der Tag“ handelt davon. Es geht um eine schöne Frau, die durch einen Unfall ihre Schönheit verliert. Gillian, Fernsehmoderatorin von Beruf, wacht im Krankenhaus auf. Bei dem Autounfall ist ihr Mann Matthias ums Leben gekommen. Sie selbst wurde schwer verletzt, ihr Gesicht ist entstellt. Der Unfall ist der Beginn einer Abrechnung mit ihrem bisherigen Leben und der Beginn einer versuchten Selbstfindung.

Es wird einem nicht leicht gemacht, Anteilnahme zu entwickeln. Das mag auch daran liegen, dass Gillian eine Kunstfigur bleibt, die nicht aufhört, außen zu suchen, was sie dort nicht finden kann: sich selbst. Man erfährt: „Ihr Leben vor dem Unfall war eine einzige Inszenierung gewesen. Ihr Job, das Fernsehstudio, die schönen Kleider, die Städtereisen, die Essen in guten Restaurants, die Besuche bei ihren Eltern und bei der Mutter von Matthias.“ Stamm lässt sie den — falschen — Schluss ziehen: „Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit, eine falsche Bewegung.“

In dem Roman gehe es um eine Frau, „der das ganze Leben genommen wird, die aber doch am Leben bleiben muss — eine Tragödie, die zu einem Neuanfang wird“, heißt es im Klappentext. Bei der Lektüre erschließt sich jedoch nicht, was genau die Tragödie ist. Der Tod ihres Mannes ist es für Gillian offensichtlich nicht. Eher schon, dass sie nun Witwe ist, ein Wort, das sie „schockierender als ihre Verletzung“ findet, „als Matthias‘ Tod, als alles“. Der Verlust ihrer Schönheit kann es auch nicht sein. Denn dank der Künste plastischer Chirurgen hat Gillian bald wieder ein hübsches Gesicht.

Sie gibt ihren Job als Fernsehmoderatorin auf, findet eine neue Tätigkeit in einem Ferienclub in den Bergen — auch einen beruflichen Neuanfang stellt man sich anders vor. Nach Jahren lässt sie die Beziehung zu dem Maler Hubert wieder aufleben, dem sie schon vor dem Unfall begegnet war. Doch ließ er sie seinerzeit nicht mehr als seine Geliebte sein. Beim zweiten Versuch gönnt der Autor den beiden eine Zeit gemeinsamen Glücks.

Das Buch ist — typisch für Peter Stamm — unterhaltsam und leicht zu lesen. Weil aber die Themen, die in ihm stecken, zum Beispiel die Frage, wie der Verlust von Schönheit in einer so sehr auf Äußerlichkeiten fixierten Welt zu verkraften ist, kaum eine Rolle spielen, bleibt kaum etwas haften.

„Nacht ist der Tag“ von Peter Stamm, S. Fischer, 253 Seiten, 19,99 Euro.

liz

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