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Ein Hanswurst und Nobelpreisträger tritt ab

Rom Ein Hanswurst und Nobelpreisträger tritt ab

Dario Fo ist tot. Der italienische Autor galt als Meister der politischen Unterhaltung – dafür wurde er 1997 ausgezeichnet.

Rom. Es mag sarkastisch klingen, doch Dario Fo hätte es vermutlich selbst als ironische Konstellation verstanden. Am Tag, an dem mit Bob Dylan der neue Nobelpreisträger ausgerufen wurde, stirbt der Literaturnobelpreisträger von 1997. Der eine kommt, der andere geht.

 

LN-Bild

Autor und Theatermann Dario Fo (1926-2016).

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Dario Fo, 1926 geborener italienischer Autor, Theatermann und politischer Aktivist ohne feste Parteizugehörigkeit, war bis zum Nobelpreis nur in seiner Heimat und in Deutschland unter Theaterenthusiasten bekannt. Sein Stück „Bezahlt wird nicht!“ von 1974, in dem einfache Leute in einer Krisensituation einen Supermarkt ausrauben, war besonders bei der studentischen Linken ein großer Erfolg.

In seiner Farce „Offene Zweierbeziehung“ von 1983 lässt Fo eine Frau erzählen, dass ihr Ehemann nicht mehr monogam leben wolle. Als sie selbst mit anderen Männern sexuelle Beziehungen eingeht, hält der Gatte dies allerdings nicht aus und bringt sich um. Dieses Stück hat Dario Fo mit seiner Frau Franca Rame geschrieben, der Schauspielerin, die 2013 starb. Es reflektierte eine damals aktuelle gesellschaftliche Diskussion – ob feste Beziehungen zwischen den Geschlechtern überhaupt noch denkbar sind und welchen Preis die offene Partnerschaft kostet.

Dario Fo gestand nach vielen Jahren gemeinsamer Arbeit, dass seine Partnerin Rame an seinen Stücken und seinen Inszenierungen genauso viel Anteil hatte wie er. Die beiden hatten lange Zeit unter polizeilichen Repressalien zu leiden, es gab immer wieder Morddrohungen. 1973 überfiel eine Gruppe von Neofaschisten Franca Rame und vergewaltigte sie. Sehr viel später wurde bekannt, dass dabei eine Mailänder Carabinieri-Einheit ihre Finger im Spiel hatte.

Die Verleihung des Nobelpreises an Fo löste vor 19 Jahren Staunen und auch Empörung aus. Seine Werke seien keine hohe Kunst, sondern politische Unterhaltung, wurde kritisiert. Er selbst hatte nichts gegen diese Einschätzung einzuwenden. Fo berief sich auf die Tradition der Narren, er verstand sich als Clown, der die Mächtigen mit Spott bekämpfte. „Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Absicht, ein Hanswurst zu sein“, sagte er einmal.

Fo hatte sich mit seinen Satiren bereits in den 1960er Jahren ein Auftrittsverbot im Staatsfernsehen RAI eingehandelt. Sein Theaterstück „L’anomalo bicefalo“ (Der zweiköpfige Anomale) über den damaligen Ministerpräsident Berlusconi musste 2003 in einem Privatsender ohne Ton laufen. Berlusconis langjähriger Vertrauter Marcello Dell’Utri hatte mit Entschädigungsklagen in Millionenhöhe gedroht. So gefährlich kann Kunst sein.

mib

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